Ich nehme an, Sie kennen das. Da treffen Sie eine Person in Ihrem beruflichen Umfeld, die Sie bisher gar nicht groß zur Kenntnis nahmen und unterhalten sich am Rande einer Veranstaltung mit ihr. Und nach und nach stellen Sie fest, dass diese Person, obwohl sehr jung, irre reflektiert über ihren Beruf nachdenkt, in die Tiefe denkt, über den Tellerrand denkt – und sie denken: verdammt, warum habe ich nicht mitgeschrieben oder zumindest mein Smartphone hingehalten und das Ganze aufgenommen.
Mir ging das vor 16 Jahren mit Kai Schätzel so, einem Winzer in Nierstein am Roten Hang in Rheinhessen: dort, wo das Rheinufer schon ein bisschen den Ufern im Rheingau gleicht – also steiler und pittoresker ist. Als Schätzel diesen Eindruck, ich müsse festhalten, was er mir sagt, bei mir auslöste, hatte ich noch kein Smartphone und auch weder Heft noch Bleistift zur Hand, um mir Schätzels Gedanken und Ausführungen zu notieren.
Aber als ich ging wusste ich: Aus dem wird ein großer Winzer.
16 Jahre später ist Schätzel ein großer Winzer, ist seinen Weg so konsequent gegangen, wie es nur wenigen Winzern möglich ist. Und ich habe nach 16 Jahren wieder Schätzel-Weine in seinem Keller probiert, die für mich die maximale Moderne deutschen Weinbaus darstellen. Klartext: Schätzel hat die Tradition des Weinbaus am Roten Hang fast schon bizarr perfekt in die Gegenwart geholt und dabei, so sehe ich das, die derzeit herausragendste und eindrucksvollste Kollektion deutscher Weißweine hingestellt, die jetzt, nach und nach, auf Flaschen gezogen wird.
Kai Schätzel hat das nicht alleine getan: an seiner Seite arbeitet seit einigen Jahren auch die Quereinsteiger-Winzerin Julia Eichblatt. Und ich erkenne: diese Beziehung hat dem Keltern Schätzels noch einen zusätzlichen Schub gegeben, nur das zu machen, an was die beiden instinktiv glauben: biodynamischer Weinbau spielt hier die Hauptrolle.
Es ist der Glaube, nein, das Wissen, dass die derzeitigen Methoden Weine zu keltern, so gut und richtig diese Methoden sind, ein Korrektiv brauchen: auch die so genannte Naturweinbewegung, die inzwischen auf Schienen fährt, dessen Gleisbett brüchig wird wie der Schotter der Deutschen Bahn.
Ich habe eine Reihe von Weinen gekostet, die acht Jahre im Fass lagen und die Eichblatt und Schätzel in diesem Jahr (und vielleicht einige von erst im nächsten Jahr) auf die Flasche ziehen. Und dabei werden sie experimentieren, was mit den einzelnen Weinen final anzustellen ist.
Einen Vorgeschmack dieser Experimente, dieses kommenden Werks, das ich, erneut festgestellt, für den deutschen Weinbau als maßgeblich einstufe, ist der heute schon erhältliche Steiner Riesling 17-23 (€ 28,00), der, wie es in seiner Bezeichnung steht, eine Jahrgangscuvée aus sieben Jahrgängen ist – etwas, das sich kaum ein Winzer in der Welt traut, weil da auch immer die Sorge besteht, dass die Konsumenten ein solches Wagnis nicht verstehen. Ich kann nur sagen: dutzende mehr Winzer sollten wagen, was Eichblatt und Schätzel wagen. Es ist die önologische Bewusstseinserweiterung schlechthin.
In der Nase verhalten Kräuter, undaufdringlich Steinobst, ein bisschen Walnuss, ordentlich Quitte und gering auch Stachelbeere und Birne. Im Schluck dann das Eigentliche: ein beeindruckend ruhiger, großer, gelassener Wein, der beweist, dass wenig Alkohol (11%) den Geschmack eines Weines keineswegs schmälern muss – ganz im Gegenteil. Eichblatt-Schätzels Lagencuvée Steiner Riesling ist eine Kombination von Kraft, Eleganz und buddhistischem Gleichgewicht: er ist die dringliche Erinnerung, wie deutsche Rieslinge einst schmeckten und wie sie heute, mit neuen Denken und alten Methoden in einem alten Keller in älteren bis sehr alten Fässern gekeltert werden können. Wie irre gut das schmeckt! Wie irre gut das zum Essen schmeckt!