(gemeinsam mit KALK & KEGEL)
Zugegeben: Ich habe Proxies (ich schreibe die Mehrzahl in der Oxford-Version ohne y), jene neuen Getränke, die sich als bessere Alternative zu Wein anbieten als alkoholfreier Wein das je tun kann, erst letztes Jahr richtig wahrgenommen – und auch letztes Jahr erst die ersten Proxies getrunken. Grund dafür war weniger meine sonst abendfüllende Ignoranz als dass ich etwas, das Proxy heißt, schlicht als Getränk nicht ernst nahm. Proxy: so heißt vielleicht ein temporärer Zahnersatz. Oder ein Steuerungsteil eines Sikorsky-Hubschraubers. Oder vielleicht eine Salbe gegen Pusteln am Arsch. Aber doch kein Getränk!
Als es nicht mehr ging, als ich auf Proxies reagieren musste, stieß ich zuerst auf Lucas Matthies, einen jungen Berliner, der vor Jahren nach Wien zog (how dare you!), um dort einige Zeit lang bei Wein & Co, dem größten Weinhändler des Landes (ein Hawesko-Betrieb, der aus mir unerfindlichen Gründen nicht breit nach Deutschland exportiert wird) das Marketing zu unterstützen. Der 31jährige Matthies kriegte es also vor den Proxies ausreichend mit Wein zu tun und ist kein Abstinenzler. Ich rief an und Matthies und seine Partnerin Friederike Duhme schickten mir aus ihrem Laden namens KLEIN & LOW eine Kiste hoch: das, was drin war, schmeckte – bis auf eine Ausnahme – neu und auch fantastisch. Alles neu also? Nee: ich habe Proxies schon vor 23 Jahren getrunken. Da hieß es nicht Proxy. Doch dazu später.
KALK & KEGEL, Partner im Geiste, haben Matthies jetzt interviewt. Und weil mein Artikel über Proxies in der WELT am SONNTAG erst in zwei Wochen erscheint, teile ich hier ein paar Auszüge – die erhellendsten.
Kalk und Kegel: Müssen sich Winzerinnen und Winzer angesichts der Entwicklung Sorgen machen?
MATTHIES:Nein. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass es ein anderes Trinkverhalten gibt. Wenn weniger Alkohol getrunken wird, muss ich mir als Winzerin oder Winzer überlegen, was ich sonst noch machen kann. Es gibt viele spannende Produkte, die von Weingütern kommen, beispielsweise aus Deutschland die Sparkling Teas der Winninger Genussmanufaktur, Von Wiesen von Griesel & Compagnie, die FruchtSeccos vom Sekthaus Raumland oder aus Österreich Embrizzo von Gut Hardegg und Sparkling Tea Royal von den Weingütern Schauer und Firmenich. Relativ neu in unserem Sortiment sind auch Proxy Weine auf Trauben-Basis. Es gibt mittlerweile weitaus mehr als entalkoholisierten Wein, von dem ich persönlich kein großer Befürworter bin.
Kalk und Kegel: Warum nicht?
MATTHIES:Entalkoholisierte Weine stammen häufig nicht von Winzerinnen oder Winzer, sondern von Leuten, die Traubenmaterial zukaufen. So kann teilweise keine Auskunft darüber gegeben werden, woher die Trauben kommen. In Deutschland gibt es den großen Entalkoholisierer Trautwein, dort schicken gefühlt 80 Prozent ihre Trauben hin oder kaufen von dort enthalkoholisierten Wein. Es kann nicht die Zukunft sein, so zu arbeiten. Entalkoholiserter Wein hilft beim Einstieg in das Thema Alkoholfrei, weil die Leute den Geschmack kennen. Trotzdem glaube ich, dass die langfristige Vision von alkoholfrei Proxys sein werden, die durch verschiedene Zugaben wie Fermentation der Komplexität eines Weines sehr nahekommen. Die aber weder Wein sind, noch sein wollen. Es steht theoretisch jedem Weingut offen, sich in diesem Feld auszuprobieren. Nicht zu vergessen ist natürlich der Obsthof Retter, der mit seinen Wildfrucht Essenzen eine eigene Positionierung geschaffen hat und dafür internationale Anerkennung in der Gastronomie bekommt.
Deswegen, finde ich, kann man bei Proxies weder von Proxy-Weinen, noch von Weinersatz sprechen. Vielmehr, und das ist ja das Fantastische, kreieren Proxys – ich denke für viele Proxy-Entwickler und Kelterer (hier finde ich den Weinbegriff wiederum angemessen) auch überraschend – eine zunehmend eigene Welt – eine Welt neuer und oft substanzieller geschmacklicher Überraschungen. Matthies weiter:
Kalk und Kegel: Das heißt viele Produkte sind bloß Marketing-Fassade?
MATTHIES: Es gibt am Markt unglaublich viel Scheiße. Diese Produkte sind eine reine Ressourcenverschwendung: von Zeit, Produkt, Energie. Ich erinnere mich an die Pro Wein 2024, bei der es eine eigene No/Low-Area mit rund 300 Produkten gab. Beim Großteil habe ich nicht verstanden, warum man das auf den Markt bringt. Viele Anbieterinnen und Anbieter versuchen auf der Welle mitzuschwimmen, in der Hoffnung, dass irgendjemand ihr Produkt kauft – wo aber weder geschaut wird, wie der ökologische Umgang mit den Trauben aussieht oder die Herstellung abläuft. Vieles ist dann wirklich nur reines Marketing, wobei ich überzeugt bin, dass solche Produkte wieder rausfliegen werden, weil bei der Produktentwicklung nicht mit der gleichen Ambition und dem gleichen Handwerksgedanken rangegangen wird, wie bei Wein. Das wird über kurz oder lang keiner mehr kaufen.
Mich erinnert das stark an die ersten Jahre der Naturweinszene, wo auch – meiner Meinung nach – irre viel untrinkbares Zeug hochgehypt wurde. Und gibt es diese stinkenden, damals glorifizierten Brühen immer noch? Eben nicht. Genauso wird es bei den Proxies laufen: Hype, dann Teil eines Hypes, dann Selektion nach Nachhaltigkeit und formidablen Keltern – und ein gutes Ende in einem von Unsinn bereinigten Markt. Auch zu erwarten: dass viele Winzer, die auch was anderes können wollen, weil sie dieses Auch-Können-Wollen antreibt, in den nächsten beiden Jahren mit Proxies auf den Markt kommen werden, die eine richtige Bereicherung und Erweiterung darstellen. Und frankly: Nur größere Winzerinnen und Winzer werden sich leisten können, in den ersten Jahren mit ihren Proxies auch Geld zu verlieren – wie bei jeder Markteinführung und Mitanbieter-Verdrängung eben üblich. Matthis weiter:
Kalk und Kegel: Proxys ermöglichen vermutlich auch ein super Storytelling am Gast.
MATTHIES:Absolut. Das ist auch das Feedback, das wir aus der Sommellerie bekommen. Die Gäste sind vollkommen hooked, wenn die alkoholfreien Optionen präsentiert werden. Mit der mittlerweile verfügbaren Range hast du alle Möglichkeiten: Du kannst mit einem Sparkling Tea beginnen, übergehen zu Proxys, die super zu Seafood passen, dann herber werden, wenn der Fleischgang serviert wird, und zum Dessert oder Käsegang mit hochwertigem Saft abschließen. Die Gäste werden dadurch auf eine komplett neue Journey mitgenommen. Und da haben wir noch gar nicht über das Thema Spirituosen gesprochen, bei dem es jetzt auch richtig los geht. Der No/Low-Hype ist also definitiv nicht vorbei – im Gegenteil. Wir sind gerade erst am Anfang. Das wird richtig groß.
Gott möge abhüten vor, dass mir wieder die Ohren vollgequatscht werden. Storytelling halte ich genauso für eine Zumutung wie Masterclass(en).
He: Vor 23 Jahren schon getrunken? Ja. Das Ding hieß Kombucha und war das erste Proxy überhaupt. Gebraut und abgefüllt im Red-Bull-Konzern in der Schweiz und Österreich. Matteschitz Kombucha war leider ein riesiger Flop – schade, denn das Getränk war exzellent. Heute füllt die Firma Rauch ein ähnliches Kombucha unter dem Namen Carpe-Diem ab – eine Marke, die auch das Red-Bull-Medienhaus für ein Magazin verwendet. Und auch dieses Kombucha, zugegeben ein inzwischen altes, halbindustrielles Produkt, schmeckt zum Essen ganz vorzüglich. Und nicht nur zum Essen.
Und die 0,75-Literflasche kostet € 2,65. Und nicht 17,90.
Und genau das könnte das Problem der Proxy-Hersteller werden: dass ein großer Getränkebetrieb den Hype merkt. Und dann den Markt mit teils sehr günstigen und sicher später auch individuellen Proxies flutet.
Dass ist dann die Marktbereinigung, die keiner der heutigen Proxy-Kelterer auch nur ahnt.
Das ganze Kalk & Kegel interview mit Luca Matthies gibt es hier: https://kalkundkegel.com/interview-lucas-matthies-kein-low/
Wir verweisen auch auf Risto Riegers Text über alkoholfreie Weine. Zu finden im Weinpary-Menü unter “Featured”.