Weil sie beim Wein konsequent Hello Kitty ist. Weil sie als eine der wenigen erkannt hat, dass Rosé die einzige Weinfarbe ist, zu der man noch Geschichten des Aufstiegs und der Etablierung erzählen kann. Und weil sie gelebte Bürgerlichkeit mit einem g’standenen Quentchen Feminismus lebt. Vor den Vorhang: Pia Strehn.
Als Pia Strehn beschloss, ihren Betrieb auf die Erzeugung von fast ausschließlich Roséweinen (es gibt tatsächlich auch zwei Weißweine bei Strehn) umzustellen, und das ist nicht allzu lange her, da hatte Roséwein einen verdammt schlechten Ruf – vor allem bei Männern meiner Generation. Bekannte, die „echten Rock“ hören, also Oasis und so’n Zeug, und ihre Positionen auf der Karriereleiter verteidigen (müssen), sagen über Rosé meist immer: „So aa Tschapperlwossa“. Richtig: Ich rede von Männern aus Wien.
Strehns (vermuteter) Werbetexter schreibt über ihre Rosé-Erleuchtung: „Wie es dazu kam? Wie es meistens kommt, wenn schicksalshafte Begegnungen dazu führen, dass man alles auf den Kopf stellt: Einfach so, ohne viel Fragen. Peng! Pia Strehn wurde bereits als Teenager auf La Vie en Rosé eingestimmt – in Nizza, auf den malerischen Klippen sitzend, auf‘s Meer blickend, mit Rosé und Käse als Komplizen. In dem Moment wurde ihr klar: So und nicht anders.“
Nun, wenn es einfach Peng machte, dann muss dieses Peng eingefangen, eingekerkert und ausgebeutet werden, denn das Peng hatte recht wie nur was: die Weinfarbe Rosé boomt als einzige Weinfarbe, wo Weißwein stagniert und Rotwein rückläufige Verkäufe verzeichnet. Auf den Feldern der Strehns in der klassischen Rotweinregion um Deutschkreutz stehen Blaufränkisch, St. Laurent, Merlot und auch Cabernet-Sauvignon: die beiden letzten Sorten auf eine österreichische Empfehlung hin, nach dem Weinskandal von vor 40 Jahren mehr ausländische Sorten anzubauen, die man in der Welt kennt. Dieser Irrtum von damals ist jetzt in der Roséweinproduktion massiv von Vorteil, denn Blaufränkisch kennt im Cabernet einen guten Partner, wie Stehns feiner und super süffiger Rosé namens „Sushi“, eine Cuvée der beiden Sorten – in Beton vergoren – beweist.
Also Rosé, dann auch die Hingabe zwei Spitzenrosé’ zu kreieren und Roséweine zu keltern, die, was sehr selten ist, mit Barrique exzellent harmonieren: den preislich enorm moderaten „Der Elefant im Porzelladen“ und den Lovestory Rosé, der ca 70 Euro kostet. Mich persönlich hat vor allem der Elefant überzeugt; überzeugt, dass Strehn eine Handschrift fängt, die nur ihr und ihren Roséweinen alleine gehört. Und es ist eine Handschrift mehr der Kellertechnik als der Weingärten. Und ja: auch dieser Weg kann der richtige sein, auch wenn Puristen das bezweifeln. Das beweist alleine einer der prominentesten deutschen Winzer, der genau das lebt, was sein Familienname sagt.
Doch Strehn verschwindet nicht im Keller, sondern ist Late-It-Girl eines neuen bäuerlich-bürgerlichen Feminismus, der auf keine der alten linken Feminismustheorien fußt, sondern die von den linksliberalen Boomern durchgesetzte feministische Revolution einfach so lebt, als wäre sie immer dagewesen. Und da ist sie dramatisch genau und gänzlich authentisch. Strehn ist auch das Musterbeispiel einer zu Authentizität verpflichteten Kultfigur. Dabei streckt sich Strehn im Fahrwasser und schwimmt dennoch gegen den Strom.
Und das ist einer der Hauptgründe für diese Auszeichnung: die Verschmelzung von Person, Bürgerlichkeit bis zum Abwinken, dräuender Feminismus in einer Art Kunstfigur, die Strehn wie ein Schild vor sich trägt: immer perfekt und hochwertig gekleidet, spricht sie vor allem auch wirtschaftlich erfolgreiche Frauen an; Frauen, die beim Weinkauf längst nicht mehr ihre Männer fragen, was denn ihre Sorte sein kann oder soll. Strehn symbolisiert am deutlichsten das Ende der Männerweine – auch wenn nicht gering Männer ihre Weine trinken.
Exzellente Roséweine sind selten Saftabzüge, die dem Rotwein über Jahrzehnte den Ruf des Restepostens der Rotweinproduktion gegeben haben. Strehn führt als auftretende Winzerin nur aus, was andere sich nicht trauten. Sie ist Hello Kitty der Roséweine. Mit bedeutend mehr Grips als die andere Kunstfigur.
Applaus!