Weil die beiden unterschiedlich wirkenden Güter das gleiche Ziel verfolgen: unvergesslich singuläre Weine zu keltern, die das Weinland Deutschland auch international sichtbar machen – als große Weinnation, die Deutschland einst war. Und wieder ist.
Heute mache ich es mir einfach. Zuerst ein paar Worte zu Jule Eichblatt und Kai Schätzel: Hier habe ich vor sechs Wochen Rieslinge (und nicht nur Rieslinge) getrunken, die ich nie zuvor in Deutschland getrunken habe. Ich halte diese Weine für kluge, intellektuelle und auch massiv süffige Meisterwerke: on the top of everything. Mehr werde ich hier aber nicht schreiben (dürfen), denn die Story über die Schätzles erzähle ich Mitte Januar in der WELT am SONNTAG. Und das vor allem ganz analog – nur in der Printausgabe. Meine Begeisterung von vor sechs Wochen muss ich aber heute schon rausschreien. Eichblatt und Schätzle sind jene Ideologen, die ihre Denken befreiten und ihre Ketten sprengten. Zwei „Keywords“ will ich mitgeben: „Acht Jahre“. Um die wird es in der Geschichte in der WamS gehen.
Über das Weingut Fürst in Mainfranken habe ich dieses Jahr nicht gering geschrieben. Ich wüsste nicht, was ich daran jetzt besser schreiben könnte und zitiere mich bequemer weise selber (aus der WELT am SONNTAG):
„
In Bürgstadt, wo die Menschen schon ein bisschen hessisch sind (man verzeihe mir Ausländer meine gefühlten geopolitischen Banalitäten) keltern Monika, Paul und Sebastian Fürst nicht nur einen der besten Rieslinge Deutschlands (den Centgrafenberg z.B), sondern ein paar der besten Rotweine der Welt. Nicht nur Deutschlands alleine, sondern der Welt! So, den Satz lass ich mal kurz stehen. Und mache mir eine Flasche Frühburgunder Bürgstein Reserve R 2022 auf – der beste Frühburgunder je gekeltert. Teuer. Aber sensationell.
Deutschland ist eine der ältesten Weinnationen der Welt und war gemeinsam mit Frankreich und Ungarn bis 1939 führend im Export. Käufer: die besten Restaurants im Vereinigten Königreich und den USA. Die mörderische Hitlerei hat dem ein Ende gemacht. Der Weinbau ist aber nicht verschwunden.
Warum verwundert es also, wenn aus Deutschland nicht nur ein paar der besten Weißweine der Welt kommen (die nicht ausschließlich Rieslinge sein müssen), sondern auch rund ein Dutzend der besten Rotweine der Welt? Die Antwort: Weil man in Deutschland und der Welt annimmt, dass es in Deutschland kein Klima und keine Wetterlagen gibt, die zulassen, große, weltgeltende Rotweine zu keltern. Doch das ist seit Beginn der Klimaerwärmung ein Unsinn. Es gehört auch zu Erzählung über die Klimaerwärmung, dass diese, wenn die großen, unheilbringenden, zur Klimaerwärmung gehörigen Unwetter ausbleiben (was sie leider immer seltener tun), im Weinbau durchaus auch Vorteile mit sich bringen kann. Vor allem bei Rotwein. Manche einst kühlen Riesling-Lagen aber wird der deutsche Weinbau in den nächsten zwanzig Jahren wohl verlieren.
Große Rotweingegenden: die sind Deutschland im Ahrtal, auch an der Mosel, im Remstal und anderswo in Württemberg und in Baden, dort vor allem am Kaiserstuhl, in der Ortenau gewiss. Und in Mainfranken, das eben nicht erstgenannt wird, wenn es um Rotwein geht, weil – eh scho wissen (Wienerisch für logisch) – die Franken ihre Weine selber trinken. Was bitte machen Paul und Sebastian Fürst so anders, dass ich ihre Weine augenblicklich zu den besten Rotweinen der Welt zählen muss?
Die Antwort sprich aus dem Glas: noch ein Glas vom vorhin schon erwähnten Frühburgunder Bürgstein Reserve R 2022 (€ 82,00) etwa. In der Nase Minze, Menthol, gering Schattenmorelle, Himbeere, etwas dunkle Kirsche (noch unreif). Im Mund Kirsche, Himbeere und ein bisschen Cassis. Ja da ist auch Mineralität, aber da ist vor allem das beglückend präzise eingesetzte Holz und dessen Toasting, die diesen besten Frühburgunder der Welt zu einem gloriosen Vertreter der selten gewordenen Sorte machen, die, wie der Name schon sagt, früh reift und früh geerntet wird; die also kaum bis nie fett und wuchtig werden kann, die ihre Kraft fast ausschließlich in jenen Winzerhänden findet, die wissen, dass die Eleganz derart überborden muss, das Mittelgewicht zur Scherkraft werden zu lassen.
Frühburgunder, das beweisen die Winzer Fürst, brauchen eine kluge Winzerhand, die den Most dieser Traube mit Hirn und Herz durch den Keller begleitet. Und zum Hirn gehört die Erkenntnis, dass es die Art der Fässer ist – und die Art des Toastings – die einen Frühburgunder zum großen Frühburgunder machen. Weil es eben das Fass ist, dass den Rotweine dieser Sorte die Eleganz kleistert, und weil ein Fass auch nicht gering Geld kostet, das man vielleicht gewinnbringender bei Spätburgunder und andere Sorten einsetzt, scheuen die meisten Winzer das Risiko, in Frühburgunder zu investieren. Und weil die einfachen Frühburgunder, die, die keine weiter denkende Winzerhand erfahren durften, nicht besonders interessante Weine sind, wird von der Sorte an den Hängen wenig stehen bleiben. Denn der Weinbau, vor allem der Rotweinbau, befindet sich nach dreißig Jahren Aufschwung in einer bereinigenden Krise. Auch in und nach dieser Krise wird, wie zuletzt 1985 – 1990, kein Stein auf dem anderen blieben.
Gegen diese Krise hilft ein Glas vom fürst’schen Bürgstadter Spätburgunder (Pinot noir) Ortswein (25 Euro). Ja, ich weiß, das ist für einen Einstiegswein nicht billig. Aber es ist auch kein Einstiegswein; es gibt bei Fürst gar keine Einstiegsweine, die kriegen die Fürsts rein mental nicht hin. Jeder Wein hier muss ein großer Wein sein – in seiner Klasse. In der Nase die für deutsche Rotweine typische Hagebutte, Eukalyptus Herzkirsche, etwas Bovist und auch frische Scampi. Der Geruch frische Scampi beim Wein Einatmen – was übrigens durch den Mund vor dem Schluck das Weinerlebnis noch komplettiert – ist offenbar nur meiner Nase eigen und ist für mich ein Indiz für Terroir, für die Salze der Minerale. Auch wenn es blumig rüberkommt, ich bin ich Verfechter jener Fraktion die sagt: Sag und schreib was du riechst und sag und schreibe nicht, was dir die Hohenpriester der Weinkultur zu riechen vorgeben.
Im Mund ist dieser Nicht-Einstiegswein-Einstiegswein ganz wunderbar rund und hat auch die nötige „Fett’n“ ein paar Jahre im Keller verschwinden zu dürfen. Für 17 Euro und 50 Cent kriegt man bei Fürst auch einen wohlfeilen einfachen Pinot-Noir, der schon den Weg des Weinguts zeigt. Aber ich rate gleich zum Ortswein upzugraden.
Ich trinke den Spätburgunder Schlossberg Großes Gewächs 2022 (105 Euro). Und da erneut: einer der besten Rotweine der Welt. Absolut durchdacht gekeltert, durchdacht bis ins letzte Detail – eine intellektuelle Großleistung. In der Nase Kirsche, Cassis, wieder Hagebutte und Eukalyptus (aber weniger als beim Frühburgunder), dann ein Tick reife Himbeere und ganz hinten, aber vollendend, das brillant eingesetzte Toasting der Fässer, das sich im Schluck fortsetzt – ich tippe auf die Fassbinder von Damy in Frankreich. Im Mund appetitlich – im besten Sinn dieses Wortes.”
Applaus!