von Manfred Klimek / WELT am SONNTAG
Es riecht nach Erde, nach Stall, auch, eingebildet oder nicht, nach weißem Pfeffer. Ein Traktor röhrt in der Ferne, die Oder und die polnische Grenze sind keine zehn Kilometer entfernt. Nichts deutet auf das hin, was einem dann im Glas begegnet – auf vorzügliche Weine; dort gekeltert, wo eigentlich kein Weinbau stattfinden kann. Doch er kann. Und wie er kann. Willkommen im Weingut Patke – Brandenburgs sicher kühnster Ort, was Weinbau betrifft. Ein Weingut mit allen Annehmlichkeiten (auch einer Art Straußenwirtschaft), das man von Berlin weg mit dem Regionalexpress erreichen kann. Hier wird der Nordosten auf einmal so südlich, wie wir ihn nie vermutet hätten.
Der Impuls kam nicht aus der Weinwelt, sondern von der Baustelle: Matthias Jahnke, Erdbeerzüchter, Bauunternehmer, ein Mann, der anpackt, ehe er zweifelt, setzte 2016 erstmals Reben. Der Ort: Pillgram, bis dahin vor allem von banal konventioneller Landwirtschaft und Weite geprägt. Wein war hier kein Thema, obwohl es alte Aufzeichnungen gibt, dass Weinbau hier und im benachbarten Polen schon früher stattgefunden hat – in der Warmperiode unseres Kontinents vor ca 700 Jahren.
Heute wächst auf knapp fünf Hektar eine Kollektion robuster Rebsorten, die wie gemacht scheint für diese Zeit: Solaris, Johanniter, Sauvignac, Regent. Allesamt PiWis – pilzwiderstandsfähige Sorten, gezüchtet für den geringeren Einsatz von Pflanzenschutz, für den Anbau an schwierigen Standorten, für das, was kommen wird. Doch gibt es auch Weißburgunder der klassischen Rebzucht – vor allem der „S“ 2023 (zur Zeit ausverkauft, Preis ca 16 Euro) rinnt runter wie ein Wein aus der Pfalz oder der Steiermark: gering Zitrus, mehr Steinobst, die Quitte, was selten ist, total einbalanciert und im Schluck erstaunlich Saft und Kraft. Bloßes Vergnügen!
Doch Matthias Jahnke denkt nicht nur in Reben, sondern auch in Begegnungen. Im Hofladen des Weinguts, weit offen zur märkischen Ebene, naschen Besucher Jahnkes selbstgemachte Salami, regionale Käse und kippen am Schluss einen Erdbeerlikör aus eigener Produktion. Es ist eine Szenerie wie aus Südtirol oder dem Friaul – nur eben am östlichen Rand in Brandenburg. Das ganze Ensemble wirkt wie ein ruraler Mikrokosmos, entschleunigt, aber nicht rückwärtsgewandt.
Im Keller arbeitet Romano Voß an einem Stil, der sich nicht anbiedert, aber immer gefällt. Die Weißweine zeigen Kante: Solaris mit salziger Präzision, Johanniter mit fast alpinem Zug, der rote Regent als ungeschliffener Charakter mit kernigem Temperament. Vieles bleibt im Edelstahl, manches liegt auf der Vollhefe – und alles spricht für eine Handschrift, die mehr will und kann als wir ihr zutrauen wollen.
Dass dabei der Pinot Iskra (€ 14,50), exklusiv gefüllt für den Berliner Weinladen Schmidt, längst zu einem der gefragtesten Weißweine des Hauses geworden ist, sagt viel über das Selbstbewusstsein dieser neuen Szene. Trocken, fruchtbetont, mit Noten von weißen Blüten, erstaunlich viel Johannisbeere, gering Rhabarber, ist er nicht nur modern – sondern auch stilsicher. Auch dort zu haben: Patkes Souvignier Gris (€ 12,90): ein wunderbarer Sommerwein.
Dass inzwischen rund 90 Prozent der Flaschen in der Region Berlin-Brandenburg bleiben, liegt nicht nur an der Nähe, sondern vor allem daran, dass es hier keine Weintradition gibt. Die Weine sind für das kommende Jetzt der Weinwelt gekeltert – kühl, klar, ungekünstelt. Und die Gäste, die aus Potsdam oder Friedrichshain herüberkommen, nehmen oft mehr mit als nur ein paar Flaschen: eine Ahnung, dass sich hier etwas verschiebt. Nicht nur klimatisch – auch kulturell.
Die Fläche soll wachsen auf 15 bis 18 Hektar. Und wenn eines Tages auch der Schaumwein hinzukommt, auf den man bei Patke massiv setzt, wird das kein Exkurs sein, sondern eine Fortsetzung dessen, was längst begonnen hat.
Denn das Weingut Patke ist kein Experiment mehr. Es ist der Beweis, dass Weinentrepreneure ihr Terroir besorgen können. Auch dort, wo man solches bisher nicht erkannte. Mit Mut, Verstand und einem scharfen Messer für die Salami.

