(Funke-Gruppe / R. Klar / Foto)
Die Stadt steht still. Regen peitscht auf Asphalt und gegen den Beton, als wollte er beide weichklopfen. Der Himmel seit Tagen: eine bleigraue Platte. Berlin, kurz vor der atmosphärischen Selbstauflösung. Keine Sonne, kein Schatten, nur dieses Wetter – Deutschland im Herbst.
Was jetzt hilft?
Ein Kamin – notfalls eingebildet.
Und ein eleganter Rotwein. Weißweine trinken wir dann im Herbst, wenn es heiß wird.
Hier sind fünf Starkregenweine der Redaktion, die mehr können als nur wärmen. Sie stemmen sich gegen das Grauen-Graue, sie lassen die Nässe außen vor.
1. Castello di Brolio Chianti Classico Riserva – Der archaische Trost
Das (riesige) Anwesen Castello di Brolio, seit Jahrhunderten im Besitz der Familie Ricasoli, ist nicht nur ein toskanisches Postkartenmotiv (etwa für Hitler und Mussolini 1938), sondern eines der ideellen Urhäuser des Chianti. Baron Bettino Ricasoli hat im 19. Jahrhundert das Chianti-Rezept formuliert (Riserva und den Gallo-Nero), heute leitet Francesco Ricasoli das Weingut mit einer klaren Idee von Herkunft und Typizität. Und ohne die Moden der Weinwelt an die Wäsche der Tradition gehen zu lassen.
Die Riserva ist kein moderner Kuschelchianti, sondern ein kantiger, erdverbundener Sangiovese mit Tiefe, Lakritze, Tabak, gedörrter Kirsche. Ein Wein, der klingt wie ein gregorianischer Männerchor. Und der im Starkregen das Bedürfnis weckt, sich nach innen zu kehren – und einen Topf Spaghetti zu kochen.
2. Faiveley Echézeaux Grand Cru – Der große Burgunder für kleine Fluchten
Das Haus Faiveley ist eines der letzten großen, eigentümergeführten Handelshäuser Burgunds – und vielleicht das dynamischste. Seit Erwan Faiveley in den frühen 2000ern übernahm, wurde investiert, modernisiert, selektioniert. Heute gilt Faiveley als Inbegriff des „négoce de précision“ – ein großer Name mit fast winzerhafter Detailversessenheit.
Waldbeeren, schwarzer Tee, feuchter Waldboden, dann Sandelholz, etwas Graphit, leise Zwetschge.
Ein erstaunlich intellektueller Wein: große innere Bewegung unter einer ruhigen Oberfläche.
Wer hier noch in den Regen raus will, dem ist nicht zu helfen.
3. Château Belgrave – Der Bordelaiser Regenschirm
Fünfte Gewächs-Klassifikation, aber stilistisch oft näher an den vierten, manchmal sogar dritten Crus: Belgrave ist seit Jahren ein Geheimtipp für Bordeauxtrinker, die keine Marken, sondern Substanz suchen. Das Château liegt direkt an der Grenze zu Saint-Julien, was sich auch im Stil niederschlägt: mehr Frische, mehr Finesse, mehr Leder, weniger Blockbuster.
Der 2020er etwa ist ein Bilderbuchjahrgang für Tage wie diese: Brombeere, Zedernholz, ein Hauch Espresso, viel Spannung im Tannin. Und genau die Art von Wärme, die wir jetzt brauchen. Nix Großes, aber was Komfortables.
4. Merlot Grande Reserve – Phillip Kuhn und die Kunst der Dichte
Phillip Kuhn aus Laumersheim war einst einer der ersten deutschen Rotweinwinzer, der vor bald 30 Jahren mein Interesse für deutschen Rotwein weckte. Auch, und besonders, wegen der vielen internationalen Sorten, die Kuhn an- und ausbaut – Sorten, inzwischen verpönt, die wahrscheinlich jetzt und in zehn Jahren viel zur deutschen Rotweinqualität beitragen. Kuhns Weine stehen fest im Glas, oft mit fast südländischer Kraft – aber nie ohne Struktur. Der Merlot Grande Reserve ist ein Beispiel dafür, wie ernst Rheinland-Pfalz diese Rebsorte nehmen kann.
Hier trifft dunkle Beerenfrucht auf fast schon Hammer-Würze, auf feine Bitterschokolade, auf einen gewaltigen bordelaiser Unterton mit tatsächlich Erinnerungen an Pomerol. Kein Jammer-Merlot, sondern einer, der sich gegen das Wetter lehnt. Und gewinnt.
5. Pinot Noir – Paul Achs und der burgenländische Sog
Paul Achs ist eine dieser stillen, großartigen Winzer. Seine Pinot Noirs aus Gols, biodynamisch ausgebaut, sind kein Kirschfrucht-Megaphon, sondern eher ein Magnetfeld für Bestes vom Besten. Sie holen einen rein. In den Wein. In den Moment. In das, was wichtig ist.
Achs’ Pinot zeigen Hagebutte, Kräuter, eine leicht salzige Note. Viel Struktur, wenig Fett, aber enorme Tiefe. Ein Kaminwein für Menschen, die den Regen nicht verdammen, sondern akzeptieren – als Teil einer Stimmung, in der Wein nicht begleitet, sondern trägt.
Mögen Berlin und uns die Sonne bald wieder scheinen!

