von Derfnam Kemilk
Es gibt Schwellen im Leben, der Leber, die wir erst erkennen, wenn wir sie längst überschritten haben. Kein Knall beim Überfahren, kein Paukenschlag beim Türöffnen – nur dieser eine spezielle Augenblick, in dem etwas in einem umspringt und klar macht: Jetzt beginnt eine neue Epoche, vielleicht sogar ein neues Leben. Eine neue Leidenschaft. Jetzt will ich alles über Wein wissen, was ich in Erfahrung bringen kann. Jetzt bin ich Nerd. Jetzt werde ich Enthusiast. Und das nur wegen dieser einen Flasche, die ich mir damals ausnahmsweise geleistet hatte: einen Lynch Bages 1982.
Nicht der teuerste Wein der Welt. Nicht das schönste und prestigeträchtigste Etikett, das man später im Museum der Grafiklegenden zeigt. Sondern ein Wein, der damals im eigenen Horizont „zu teuer“ war – und deshalb an diesem Tag gerade richtig. Eine Flasche, bei der ich den Preis las (849 Schillinge – umgerechnet ca. 65 Euro; heute ein Witzbetrag, auch mit Einberechnung von Inflation) wie eine kleine Herausforderung. Ich kaufte sie, weil ich ahnte, dass hier etwas passieren könnte. Und das Passieren geschah.
Der Korkenzieher in der Hand wirkt plötzlich wie ein Schlüssel zu einem Raum, dessen Gegenwart ich zwar fühlte, ihn aber noch nie betreten hatte. Das „Plopp“ des Korkens ist fast zu mächtig für den stillen Respekt der lauten Erwartung. Das Glas füllt sich, die Nase taucht ein – und alles, was man bisher unter Wein verstand rutscht einen Schritt zur Seite und verschwindet in dem Gestern davor.
Der erste Schluck ist kein Feuerwerk. Er ist ein Riss im Vorhang. Dahinter: Tiefe, in die man fällt. Zeit, die sich dehnt. Stimmen, die nacheinander sprechen – Frucht, Würze, etwas Dunkles, etwas Helles. Ein Gespräch, das man nicht mehr beenden will. Hier beginnt sich das Konto zu leeren.
Manchmal kommt dieser Moment spät, wie bei John Arlott, dem englischen Cricket-Kommentator, der erst mit 35 auf einer Sizilienreise entdeckte, dass Wein alles verändern kann – und von diesem Tag an Bier und Spirituosen hinter sich ließ. Manchmal kommt er in Form eines Geschenks, wie bei Edmund Penning-Rowsell, der 1937 eine Mitgliedschaft in der Wine Society erhielt – und damit den Schlüssel zu einem 1923 Château Talbot, der sein Leben in eine neue Bahn lenkte. Manchmal erwischt er uns, ehe wir ihn verstehen können: Jean-Charles Boisset war sieben, als er in Kalifornien einen 1969 Clos de Vougeot und einen 1964 Bonnes Mares probierte. Erst Jahrzehnte später begriff er, wie früh ihn diese Flaschen geprägt hatten – so sehr, dass er seine eigene Weinlinie „No. 7“ nannte. Und manchmal ist er so groß, dass er schon Legende ist, bevor man den Korken zieht: Hugh Johnson, der große Chronist, verkostete 1964 einen fast 200 Jahre alten Würzburger Wein – eine Begegnung mit der Zeit selbst, ein Moment, der zeigt, wie Wein unser Verständnis von Endlichkeit sprengen kann.
Von hier an ist alles Forschung. Du fragst, liest, suchst, probierst. Du irrst, du staunst, du erlebst Triumphe beim Ratespiel des Weinerkennens. Jede Antwort öffnet eine neue Tür. Und irgendwann begreifst du: Alles begann mit dieser einen Flasche. Mit dieser ersten Flasche, die nicht einfach leer wurde, sondern seither einen Raum im Kopf besetzt hält.
Darum am Ende keine Pointe, sondern eine Einladung:
Was war deine erste große Flasche?
Nicht die teuerste. Nicht die, mit der man prahlen kann. Sondern die, die dich gezwungen hat, tiefer zu gehen. Die dich hineingezogen hat in diese endlose, widersprüchliche, verschwenderische Welt der Kelterkunst.
Erzähl es uns – auf The Wineparty bei Facebook oder bei klimekberlin auf Instagram.
Denn diese Geschichten sind das Fundament unserer Leidenschaft.

