Am Foto von Rachel Wirth: Daniel Aßmuth, ein Winzer, der trotz hervorragender Arbeit gescheitert ist
(von Claude Auguste)
„Gestrig“ – welch bequemes Wort, wenn man eine unbequeme Beobachtung nicht gelten lassen will. Ich gestehe: Ja, ich schreibe nicht im Takt der TikTok-Sekunden. Aber das liegt daran, dass Wein selbst nicht im Takt der Sekunde lebt. Wer Reben setzt, der, oder zunhemend die, denkt in Generationen. Wer über Wein redet, sollte also auch das Recht haben, länger zu denken als bis zum nächsten Algorithmus-Update.
Meine These ist keine Nostalgie. Sie ist eine vielmehr Diagnose. Prestige dominiert die Aufmerksamkeit. Das ist kein Gefühl, sondern eine Tatsache. Die meisten Likes, die meiste Reichweite, die stärkste Resonanz sammeln jene Weine, die schon berühmt sind. Lafite, Romanée-Conti, Keller, Overnoy – sie tauchen verlässlich auf, als wären sie Währung. Es ist der Applaus für die Ikone – und das geht zulasten der Vielfalt.
Natürlich gibt es daneben auch spannende Nischen, kreative Stimmen, mutige Accounts, die kleine Güter sichtbar machen. Sie sind wichtig, sie sind wertvoll. Aber sie bleiben die Ausnahme. Und eine Ausnahme widerlegt nicht die Regel, sie bestätigt sie. Das Problem ist nicht, dass es Vielfalt nicht gibt – das Problem ist, dass sie kaum durchdringt. Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit sind ungleich verteilt, und die Mechanik der Plattformen verschärft das.
Wer das für „gestrig“ hält, verwechselt Oberfläche mit Substanz. Social Media ist eine Bühne, aber die Rollen darauf wechseln weniger, als man glaubt. Es sind die immer gleichen Stars, die beklatscht werden, während die eigentlichen Neuerfindungen hinter dem Vorhang bleiben. Wer einmal beobachtet hat, wie schnell ein Bild einer Prestige-Flasche hunderte Likes bekommt, während ein großartiger unbekannter Ortswein kaum Resonanz erfährt, weiß, dass es genau dieses Muster ist, von dem ich spreche.
Das eigentliche Gestrige ist also nicht mein Text, sondern die Wiederholung dieser Reflexe: der alte Drang, sich am Prestige zu wärmen, statt Entdeckungen zu feiern. Dass dieses Muster heute in Instagram-Stories statt im Feuilleton sichtbar wird, ändert nichts an seinem Kern. Auch früher schon haben große Namen den Diskurs dominiert – heute geschieht es eben digital und in Echtzeit.
Eine Kolumne muss nicht allen gefallen. Sie soll reiben, sie soll zuspitzen. Dass sich manche bestätigt fühlen und andere abwinken, ist kein Mangel, sondern Beweis dafür, dass sie getroffen hat. Widerspruch ist keine Schwäche, sondern die eigentliche Funktion.
Vielleicht liegt genau darin die Ironie: Wer „gestrig“ ruft, belegt, wie aktuell das Angesprochene ist. Denn wenn es wirklich überwunden wäre, müsste niemand sich aufregen. Dass es Reaktionen gibt, zeigt, dass die Frage nach Prestige, Sichtbarkeit und Vielfalt noch längst nicht erledigt ist.
Und deshalb bleibe ich dabei: Solange Likes und Algorithmen die Wahrnehmung steuern, wird Vielfalt unter Druck bleiben. Daran ist nichts Nostalgiem, das ist lediglich eine Beobachtung der Gegenwart. Und vielleicht, ja: ein Plädoyer für eine Zukunft, in der wir wieder neugieriger, wagemutiger, offener trinken.

