(Gerhard Ziegler)
Eigentlich wollte Martin Kerres, ursprünglich, und irgendwie immer noch Arzt, nur ein Haus in der Toskana haben: Sonne, Olivenbäume, ein kleines Refugium in der Maremma mit Fernblick, wo der Wind die Schmetterlinge den Hang hinauftreibt. Doch es kam anders. Heute produziert sein Weingut Valdonica in Sassofortino beinahe 35.000 Flaschen weiß, rot und rosé im Jahr. Und neuerdings findet sich im Keller neben den Fässern und Stahltanks auch eine Amphora (die Italiener nennen sie “Anfora”), fast mannshoch, aus der einer der spannendsten neuen Weine der Region kommt.
„Ein Trend ist das noch nicht“, sagt Kerres. „Amphoren sind immer noch etwas Exotisches. Viele Weine daraus sind wild, ungezähmt. Aber sie müssen, wie jeder Wein, gut gemacht sein – also fehlerfrei. Auch ein Amphorenwein darf keine Fehler haben. Das ist die Herausforderung: mit dieser alten, sensiblen Technologie ein fehlerfreies, elegantes Produkt zu schaffen.“
Wir schlendern durch die Weinberge in den Keller: Zwischen den glänzenden Stahltanks und den Reihen von Barriques steht sie da – die Amphora. Dickwandig, terracottafarben, handgefertigt und tatsächlich aussehend wie eine antike Amphore, mit zwei absurd kleinen Griffen an der Seite, als könnte man das mannshohe, tonnenschwere Ding auch nur einen Zentimeter mit den Händen bewegen. Ein dickes Ding, das aber atmen kann.
„Der Betontank war für mich der erste Schritt“, sagt Kerres. „Beides, Beton und Amphore, arbeiten über Poren. Aber die Amphore – da geht noch einmal richtig mehr die Post ab.“ Im Ton passiert mehr, erklärt er. Die Gärung verläuft anders. Der Sauerstoffkontakt ist subtiler, gleichmäßiger, die Temperatur stabiler. Und das Material selbst gibt Energie zurück.
In Kerres Amphora liegt heuer ein Blend aus den alten toskanischen Sorten Masareta, Vermentino Nero, Colorino – Sorten, die er auf den Hügeln von Sassofortino wieder gepflanzt hatte. „Wir arbeiten mit Biodiversität, auch mit alten Rebsorten, die fast verschwunden waren.“ Dazu zählt beispielsweise der Vermentino Nero, aber auch der Ciliegiolo, den Martin quasi neu entdeckt hat.
Ein Jahr bleibt der Wein in der “Amphora”. Danach kommt er für sechs Monate ins Holz. „So bekommt die Wildheit der Amphora auch eine Spur von Eleganz“, sagt Kerres. Eine Terracotta- Tradition, an die man anschließen könnte, gibt es in der Toskana nicht. „In Georgien ja – dort seit 8000 Jahren. Hier nicht.“ Er lacht kurz. „Vielleicht bei den Etruskern – die hatten bestimmt Vergleichbares, aber das ist verschwunden. Wir fangen hier definitiv neu an.“ Tatsächlich finden sich in alten Bauernhöfen, auch in der Toskana, noch vergessene Betontanks, sagt er. „Aber Amphoren – nie gesehen. Es ist wirklich ein Neubeginn.“
Und es ist auch eine unternehmerische Entscheidung. „Kleine Weingüter müssen logischerweise innovativ sein, um zu überleben“, sagt Kerres. „Das, was heuer gegolten hat, gilt möglicherweise im nächsten Jahr schon gar nicht mehr. Innovation ist unser Erfolgsfaktor.“ Er meint das nicht als Schlagwort, sondern als Überlebensstrategie. Zwischen industriellen Großbetrieben und immer stärkerem Preisdruck ist das Experiment ein Weg, sichtbar zu bleiben – ohne Kompromisse in der Qualität.
Technisch ist die Amphore anspruchsvoll. Sie verlangt sauberes Arbeiten, absolute Kontrolle, Erfahrung. „Wir sind hier zu dritt“, erzählt er. „Antonio Mori aus Montalcino – unser Mastermind, Andrea, der Önologe und Betriebsleiter, und ich.“ Beim ersten Amphorenwein war das Ergebnis sehr wild. Daraus entstand die Idee, den Wein danach noch ins Holz zu legen – eine Kombination aus archaischer und klassischer Methode.
„Die Entwicklung ist spannend. Jeder Jahrgang ist natürlich anders. Wir lernen bei jedem Versuch dazu.“ Er schätzt, dass die Amphore selbst, also die „Hardware“, Jahrzehnte hält. „Ein Holzfass laugt nach drei bis fünf Jahren aus, aber eine Amphore bleibt. Das ist eine andere Dimension. Ich will mir bald zwei weitere anschaffen. Es hat Perspektive.“
Und dennoch bleibt das Ganze ein Nischenprodukt. „Die Leute müssen erst begreifen, was das ist. Wer die Amphore probiert, ist begeistert. Aber kaum jemand kauft sie einfach aus dem Regal.“ Kerres sagt das ohne Bitterkeit. „Es braucht aber Botschafter. Menschen, die darüber sprechen, die es unter die Leute bringen.“
Würde er anderen Winzern raten, es auch zu versuchen? „Nur, wenn sie starke Trauben haben“, sagt er. „Sonst ist es sinnlos. In der Amphore wird jeder Fehler sichtbar. Du brauchst Trauben mit Kraft, Struktur, Energie. Sonst kippt es.“ Für Martin ist das Zentrum immer die Traube – nicht die Methode, nicht die Mode. „Ich halte nichts davon, etwas zu machen, weil es ‚in‘ ist. Nicht Barrique, nicht Amphore, nicht Stahl. Entscheidend ist die Umgebung, die man der Traube gibt, damit sie sich optimal entwickeln kann. Wenn das die Amphore ist – wunderbar. Aber das muss sie sich verdienen.“ Er sieht das Ganze generell gelassen. „Wenn man das schafft, wenn man der Traube den richtigen Raum gibt, dann entstehen Weine mit Identität und Charakter. Und das ist alles, was zählt.“
Meine Verkostungsnotiz: Kräftig erdig, dennoch nicht „schwer“. Mit Noten von dunklen Beeren, Kräutern und Ton. Die Amphore verleiht ihm eine feine Wildheit und etwas Oxidation, das Holz danach Eleganz und Länge.
Bezugsquelle: https://buy.valdonica.com/de/products/valdonica-6-bottles-red

