(Jürgen Howald / Manfred Klimek, Redaktion)
Es ist längst kein Geheimnis mehr: Deutschlands beste Sekte haben den Vergleich mit der Champagne nicht mehr nötig. Sie schmecken inzwischen selbstbewusst nach Herkunft, nach Schiefer und anderem Terroir, nach Menschen, die wissen, dass Zeit und Dosage (wenn es noch eine gibt) mehr sind als Blasen. Wer heute Griesel, Christmann & Kauffmann, Raumland, Jülg oder Vollenweider einschenkt, schenkt eine Haltung ein – die Haltung einer Wein- und Sektkultur, die sich längst aus der Nachahmung emanzipiert hat.
Griesel – Blanc de Blancs Tradition Brut 2022
Chardonnay und Weißburgunder – zur Hälfte je – bilden bei Griesel die Basis für den „Tradition“. Im Holz spontan vergoren, neun Monate ohne Schwefel gereift, anschließend fast zwei Jahre auf der Hefe. Degorgiert im Frühjahr 2025, mit gerade einmal zwei Gramm Dosage. Das Ergebnis ist weniger ein Aperitif als ein Ereignis: Brioche, Stein, Birne, Aprikose, ein Hauch Estragon. Und dann diese Linie: salzig, zitrisch, unverschämt präzise. Der Chardonnay gibt den Charme, der Weißburgunder das Rückgrat. In seiner kühlen, kalkigen Art ist dieser Sekt ein Plädoyer für Struktur über Süße, für Herkunft über Effekt. Griesel gelingt es, selbst im oberen Basisbereich ein Niveau zu halten, das viele große Namen alt aussehen lässt.
Christmann & Kauffmann – Cuvée No. 204 Brut Nature 2021
Die Cuvée 204 ist der Gegenentwurf zur Routine. Spätburgunder, Chardonnay, Weißburgunder – gewachsen auf Kalk und Buntsandstein, gelesen in Lagen, die klingen wie ein Pfälzer Manifest: Gimmeldingen, Königsbach, Mußbach. 31 Monate Hefelager, keine Dosage, pure Klarheit. In der Nase ein Hauch von Meer, Salz, Kalk, Muschelschale, danach Zitrusfrucht, Quitte, Mandeln, ein leises Brioche. Im Mund dann der Umschlag ins Rauschhafte: Spannung, Salzigkeit, Energie. Kein Sekt, der gefallen will, sondern einer, der fasziniert. 2021 war ein Jahr des Durchhaltens, kühl und widerspenstig, und genau das schmeckt man hier. Ein Sekt wie ein kühlendes Gedicht: klar, kristallin, kompromisslos.
Raumland – XV Triumvirat Grande Cuvée Brut 2015
Er ist eine Ikone des modernen deutschen Schaumweins – und bleibt es auch. Das Triumvirat, hier in seiner fünfzehnten Ausgabe, ist Raumlands Signatur: 61 Prozent Pinot Noir, 20 Prozent Meunier, 19 Prozent Chardonnay, fast vollständig aus dem Dalsheimer Bürgel, einer kalkigen, kühlen, nahezu champagnerhaften Lage. Hundert Monate Hefelager – eine Ewigkeit im Glas. Die Nase: Quitte, Grapefruit, Rauch, dunkle Beeren, Zartbitterschokolade. Am Gaumen: Fülle, Tiefe, Salzigkeit. Parker nennt ihn „deep, pure and complex, intense and iodine-scented“ – und man darf ergänzen: kontemplativ. Er zeigt, wie nah große Präzision und große Ruhe beieinanderliegen können. Wer Raumland trinkt, trinkt nicht nur Sekt, sondern ein westdeutsches Statement.
Jülg – Chardonnay Réserve Extra Brut 2015
Wenn Frankreich und Deutschland sich in einem Glas begegnen, dann hier. Der Chardonnay für diesen Prestige-Sekt wächst beiderseits der Grenze, im Elsass wie in der Südpfalz, auf Kalkstein. Handlese, Ausbau im großen Holz, 68 Monate Hefelager, Dosage unter drei Gramm. In der Nase: Kreide, Feuerstein, Orangenschale, Brioche, Jasmin. Am Gaumen: salzig, fest, vibrierend – ein Sekt mit architektonischer Präzision. Die lange Reife gibt ihm Cremigkeit, aber keine Weichheit. Jülg zeigt, wie sehr sich deutscher Chardonnay von seiner kühlen Seite zeigen kann: zupackend, strukturiert, fast fordernd. Kein Sekt zum Nebenbei-Trinken, sondern zum Verweilen. Wer hier auch an die Côte des Blancs denkt, liegt nicht falsch – aber hier spricht der Grenzland-Akzent.
Vollenweider – Tschiel Nr. V Brut Nature
Daniel Vollenweider, der leider zu früh verstorbene Eigenbrötler von der Mosel, nannte seinen Sekt „Tschiel“ – Himmel auf Rätoromanisch, eine Hommage an seine Schweizer Herkunft. 100 Prozent Chardonnay aus dem Briedeler Herzchen, 54 Monate auf der Hefe, ohne Dosage, minimal geschwefelt. Weißer Pfirsich, Apfel, Flieder in der Nase, im Mund vibrierend und kompromisslos trocken. Kein Rieslingsekt, keine Fruchtspielerei, sondern pure, karge Mineralität. Er erinnert daran, dass Eleganz nicht süß, sondern still sein kann. Tschiel ist kein Sekt für breite Zustimmung, sondern für Kenner, die Reduktion als Stil verstehen. Und Vollwenwieders Erben setzen genau dort fort, wo Daniel gehen musste.
Fünf Sekte, fünf Ausdrucksformen einer Sektkultur, die Deutschland als ebenso wichtiges Schaumweinland erscheinen lässt, wie Frankreich, Spanien oder das Franciacorta. Es sind Weine, die zeigen, wie erwachsen deutscher Sekt geworden ist: nicht laut, nicht überzuckert, nicht auf Effekt gebaut. Sie erzählen von Geduld, von Arbeit, von der Überzeugung, dass Zeit die schönste Form von Luxus ist. Und sie beweisen, dass die besten Schaumweine heute nicht nur zwischen Reims und Épernay entstehen, sondern auch zwischen Bensheim und Briedel, zwischen Kalk, Klima und Charakter.

