(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Wenn wir diesen Herbst auf die Weinberge in Kalifornien oder Oregon schauen, sehen wir nichts weniger als ein wundern machendes Szenario: rund dreißig Prozent der Trauben sollen dieses Jahr in den beiden US-Hauptanbauzonen nicht geerntet werden. Nicht, weil das Wetter kein entsprechendes Lesegut verantwortet hätte, sondern weil einfach die Nachfrage nach Wein massiv wegbricht. Ein Grund dafür ist sicher der Wegfall der Exporte nach Kanada. Doch selbst ohne diesen externen Schock wäre der Markt unter Druck. Und weil der Weinkonsum auch in Europa schwindet, werde auch in Deutschland, wo die Lage der Winzer noch dramatischer ist als in den anderen Weinbaunationen Europas, viele Trauben an den Stöcken hängen bleiben. Was also früher Inbegriff von Lebensart war, die Weinkultur, gerät zur nihilstischen Frage: Braucht man Wein überhaupt noch? Wenn Trauben hängen bleiben, beweist das nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern einen kulturellen Verlust.
Von Weingenuss zu Risiko für Leib und Leben – das ist die neue Erzählung seit Januar 2024, denn seit Herbst 2023 empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO, ganz auf Alkohol zu verzichten. Kein Level sei sicher, jedes Glas Wein ein Risiko – etwa sofort an Krebs zu erkranken. Diese Botschaft hat sich tief in die öffentliche Wahrnehmung gefressen. Alkohol gilt plötzlich nicht mehr als Genussmittel, sondern ausschließlich als Zellgift mit unbedingter Todesfolge.
Niemand bestreitet, dass Alkohol Krankheiten verursacht, Existenzen zerstört und Leben verkürzt. Aber jene, die tatsächlich an Weinkonsum erkranken, bilden eine weitaus kleinere Gruppe, als es die öffentliche Debatte suggeriert. Dazu gibt es leider keine Studien – aber interne Dokumente, in die ich aus Interesse schon seit Jahren Einblick habe. Doch wir alle wissen: maßvoller Genuss ist schwerer zu kommunizieren als moralisch aufgeladene Verbote.
Drei große universitäre Studienwidersprechen der WHO – sie zeigen, dass moderater Weinkonsum, eingebettet in gesunde, mediterrane Ernährung, mit längerer Lebenserwartung und geringerer Herz-Kreislauf-Belastung verbunden sein kann. Aber diese Differenzierungen gehen im allgemeinen Lärm unter. Viele Redaktionen greifen lieber zur pauschalen Warnung als zur Recherche, was Sache ist.
Und so kommt es zum Glaubenskrieg im Journalismus, der sich in den letzten drei Wochen besonders deutlich zeigte. Erst veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung, zeitgleich mit dem Spiegel, einen differenzierten Beitrag, der die positiven Effekte des Weins betonte (und sich dabei auf die erwähnten drei Studien berief), dann, nur wenige Tage später, erschien ein weiterer Artikel in der Süddeutschen Zeitung, diesmal im Wissenschaftsteil, der das Gegenteil behauptete. Keine Auseinandersetzung, keine Einordnung – einfach ein neues Dogma.
Besonders grotesk wirkt das, wenn im selben Blatt noch wenige Wochen zuvor das Münchner Oktoberfest mit Fotostrecken, Promi-Galerien und „Wiesn-Glück“-Kolumnen begleitet würde – oans, zwoa, gsuffa, ohne ein einziges Wort über die Gefahren des Alkohols zu verlieren.
Wenn Bier Folklore bleibt und Wein zum Feindbild wird, dann stimmt etwas nicht mehr in der Balance der Argumente. Was stehen bleibt, ist der ungeheuerliche Satz der Süddeutschen-Kollegin, die da schreibt: „Eigentlich ist das Sterben der Weingüter eine gute Nachricht. Denn es könnte das Sterben von Menschen verhindern.“ Weingüter als Todesbringer zu framen – das scheint das Ziel dieser gegen Wein agierenden Kampagne.
Während in Deutschland über Moral gestritten wird, werden in Kalifornien und Oregon die Folgen sichtbar: Weinberge bleiben unbestellt, Trauben hängen und Fässer stehen leer. Familienbetriebe verlieren Einkommen, Erntehelfer ihre Arbeit, und ganze Regionen ihren Pulsschlag.
Vielleicht fehlt dieser aggressiven Debatte die Fähigkeit, zwischen Missbrauch und Maß, zwischen Rausch und Ritual zu unterscheiden. Wer Wein auf seine Promille reduziert, hat ihn nie verstanden.
Die Weingüter Amerikas, die in diesem Herbst auf ihren Trauben sitzen bleiben, zahlen nicht nur den Preis eines schwächelnden Marktes. Sie zahlen auch den Preis einer Gesellschaft, die vergessen hat, dass Genuss nichts mit Exzess zu tun haben muss – und Verantwortung nichts mit Verbot.

