(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Ich bin im Kremstal, in Niederösterreich, dort, wo das Terroir oft mit der prominenten Nachbarregion Wachau identisch ist. In Senftenberg, einem Straßendorf, das eigentlich mehr Felsen als Häusern Platz bietet, arbeitet ein junger Winzer, der gerade in den Bewertungen vieler Weintester – auch jener bei Robert Parker – hoch nach oben schießt: Patrick Proidl, 33, schnell im Kopf und Reden wie Heidi Reichinek, rhetorisch scharf; ein Mann, der seine Sätze so präzise setzt wie seine Lagen. Die Familie stammt ursprünglich aus Bremen, eingewandert vor Generationen, geblieben, weil wohl der Dreißigjährige Krieg die Migration erzwang. Patricks Vater, ein kluger önologischer Querkopf mit ewig junger Energie, steht noch immer jeden Tag in Weingarten und Keller. Gemeinsam verkörpern sie etwas, das ich in Österreich auch öfter so klar finde: eine unaufgeregte Leidenschaft, die keine Marketingvokabeln braucht.
Während in Deutschland viele Winzer über Absatzrückgänge klagen, sagen die Proidls: Wir spüren keine Krise. Und ich glaube ihnen. Denn wer so arbeitet, produziert keine Trendweine, sondern Zeitdokumente, die schon aufgrund ihrer Qualität und der patriotischen Trinkgewohnheiten der Österreicher ihren Platz am Markt verteidigen.
Der erste Wein, den ich in Proidls schönem Verkostraum probiere, ist der Grüner Veltliner Rameln 2024, ein Ortswein aus einem urtümlichen Kessel, zu neunzig Prozent von Wald umschlossen. Vor der Lese gibt es hier mitunter Tag-Nacht-Temperaturschwankungen von 35 auf 5 Grad – perfekt für spannende Weine. In der Nase Steinobst, Feuerstein, ein Hauch feuchter Kiesel. Im Mund dominiert Marille, delikat, klar, fast japanisch präzise. Für 11,70 Euro ist das eine fast schon zu günstige Demonstration von Stil und Eleganz.
Der Veltliner Hausberg 2024 spielt leiser, aber raffinierter. Kalkschotter, 27 Jahre alte Reben, spontanvergoren. 12,5 Prozent Alkohol, fast neun Promille Säure – doch man schmeckt sie kaum. Er ist eleganter, feiner, ziselierter als der Rameln, ein Wein, der den Boden nicht beschreibt, sondern übersetzt.
Dann kommt der Veltliner Pellingen 2023, Erste Lage, Reserve. Ein großer Jahrgang – Sonne und Wolken in perfektem Takt. Geerntet wurde Stunden vor dem Dauerregen Ende Oktober. 60 bis 90 Jahre alte Reben, Eigenzüchtungen, keine Klone. In der Nase Brottöne, Paradeiser, Senf, ein Hauch Quitte und Pfirsich. Am Gaumen mollig durch den langen Kontakt mit der Vollhefe. Ein Wein, der atmet wie ein alter Musiker: tief, rund, dunkle Bässe. 32 Euro – und jeden Cent wert.
Die Krönung folgt mit dem Veltliner Ehrenfels 2023, einer Monopollage, die nur den Proidls gehört. Einst eine nach dem Krieg verfallene Steillage, die die Proidls Stück für Stück dem Latifundisten Fürst von Starhemberg abkauften. Haselnuss in der Nase, verführerischer Pfirsich, Aprikose, und im Mund Nussbrot, Paradeisermousse, Paragneis- und Bronzitsalze. Eisenreich, sinnlich, fast körperhaft. 40 Euro – und wahrscheinlich das Gehaltvollste, das dieser Boden hergibt.
Doch Patrick Proidl wäre nicht Patrick Proidl, wenn er beim Klassischen alleine stehen bliebe. Da ist die Große Reserve 2023, „Holzhammer 55“ genannt – 55 Jahre alte Veltlinerreben, Akazienfässer aus Österreich, 1200 Flaschen. Druckvoll, aber nie laut. Steinobst in allen Aggregatzuständen, Eleganz ohne Fett, 50 Euro, und kein Cent Übermut.
Und schließlich der Wein, der alles zusammenfasst: Generation X 2023. 90 Jahre alte Reben, Allierholz aus Frankreich mit sanftem Toasting, 14,5 Prozent Alkohol, aber fast schwerelos. Quitte, Litschi, Mandarine, ein Hauch Walnuss, weißer Pfeffer, gelber Paprika. Kraft und Leichtigkeit in derselben Bewegung – ein Tabubruch mit Maß für eines großen Weins wohlfeile 50 Euro.
Ich verlasse Senftenberg mit dem Gefühl, dass hier etwas passiert, was sich in Zahlen kaum abbilden lässt. Keine Reduktion auf Berg, Winzer oder Marke. Sondern ein Weinbau, der weiß, was er tut – und was er lässt.
Patrick Proidl ist eine der neuen Stimmen im österreichischen Weinbau: schnell, wach, selbstironisch – aber ohne Pose. Seine Weine schmecken nicht nach ideologischer Anstrengung, sondern nach Zuversicht im Glas. Und ja: Proidl keltert auch hervorragende Lagenrieslinge, die ebenfalls eine genaue Betrachtung verdienen. Vielleicht dann nächstes Jahr.

