(Manfred Klimek, Redaktion)
Es gibt Karten, die mehr über die Kultur eines Landes erzählen als über seine Landschaften. Die Deutschlandkarte der Alkoholabhängigkeit (Quelle: Barmer), die seit einigen Tagen kursiert, gehört genau in diese Kategorie. Sie zeigt – grob vereinfacht –, dass ausgerechnet jene Regionen, in denen Weinbau seit Jahrhunderten zur alltäglichen Lebenskultur gehört, die niedrigsten Raten alkoholabhängiger Menschen aufweisen. Mosel, Rheingau, Pfalz, Baden, Franken: alles Regionen, die nicht nur landschaftlich glänzen, sondern in den Statistiken der Alkoholabhängigkeit auffallend blass bleiben.
Diskret blass. Statistisch im unteren Bereich vertreten. Und das in einem Land, das sich seit zwei Jahren selbst einredet, Wein sei die neue Volksdroge einer saturierten Klassengesellschaft.
Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 2023, als ich aus reiner Neugier mehrere Suchtkliniken in Berlin, Hamburg und Wien anrief. Keine wissenschaftliche Studie, kein sauberer Datensatz, nur eine journalistische Annäherung, wie wir sie früher „Recherche“ nannten. Die Antworten schwankten zwischen 1,4 und 3 Prozent Menschen, die primär abhängig von Wein sind – mit einer angenommenen Dunkelziffer von 5-7 Prozent, weil weinabhängige Personen ihre Abhängigkeit seltener erkennen und noch seltener benennen. Das ist gesundheitspolitisch ernst. Das ist gesellschaftlich relevant – ohne Frage. Aber es ist exakt das Gegenteil jenes Bedrohungsszenarios, mit dem mediale Erregungsrituale derzeit jonglieren.
Wer die Karte genauer betrachtet, erkennt ein zweites Muster: Die höchsten Abhängigkeitswerte liegen nicht in den Weinbaugebieten, sondern in strukturschwachen Gegenden Nord- und Ostdeutschlands. Und ja: Sachsen besitzt eine großartige, aber kleine Weinkultur rund um Dresden und an Saale-Unstrut – viel zu klein, um sich statistisch im Landesdurchschnitt bemerkbar zu machen. Eine Diversifizierung der Daten wäre sinnvoll, ist aber mangels zugänglicher Unterlagen nicht möglich.
Das Muster bleibt dennoch deutlich: Lebenskultur schlägt Risikokultur.
Dort, wo Wein nicht als Fluchtmittel konsumiert wird, sondern als Teil alltäglicher, ritualisierter Lebensqualität, ist die Rate der Alkoholbhängigkeit (die überwiegend nicht mit Wein dialogisch ist) signifikant geringer.
Das ist kein Zufall.
Das ist Zivilisationsgeschichte.
Trotzdem wird der Wein in der öffentlichen Debatte behandelt, als sei er der SUV des Trinkens: ein Symbol des saturierten Patriarchats, das nun endlich an den Straßenrand der Kulturgeschichte geschoben werden müsse. Nur: Kein einziger epidemiologischer Datensatz stützt diese Erzählung.
Was die Zahlen tatsächlich zeigen – und das sollte man nüchtern aussprechen dürfen –, ist eine dramatisch hohe Alkoholabhängigkeit insgesamt. Deutschland (und nicht nur Deutschland) hat ein Problem. Ein großes. Nur liegt dieses Problem nicht im Wein, sondern im billigen, überall leicht erhältlichen Fusel, in Schnäpsen, Energydrink-Alkohol-Mischungen, Wochenendexzessen, Kompensationsritualen eines Landes, das zunehmend zwischen Erschöpfung und Sinnverlust pendelt.
Wenn nun ausgerechnet Wein – jenes Getränk, das in den statistisch unauffälligsten Regionen produziert und konsumiert wird – zum Feindbild erklärt wird, dann hat das weniger mit Prävention zu tun als mit Ökonomie: Der Weinmarkt bleibt ein Milliardenmarkt. Und wer politische Kampagnen finanziert, weiß, dass es lukrativer ist, eine bislang wohlgelittene Kelterkultur anzugreifen, die sichtbar und angreifbar ist, als jene, die im Spirituosen-Fusel-Untergrund Geld verdient.
Die Karte sagt also etwas sehr Einfaches, für manche sehr Unbequemes und sehr Wichtiges:
Wein ist nicht das vordringliche Problem.
Die Probleme liegen dort, wo Genusskultur fehlt – nicht dort, wo sie seit Jahrhunderten gelebt wird.
Und es wird höchste Zeit, dass sich die Politik wie die Medien dieser Realität stellen.
Denn Prävention ohne Differenzierung ist keine Prävention.
Sie ist nur Moral im Dienst der Lautesten.

