( Klimek, Redaktion, Mixology-Base)
Es wirkt fast wie ein Treppenwitz der Zeit: Während die Gen-Z mit erstaunlicher Gelassenheit über „low alc“, „big fruit“ und „easy drinking“ spricht, während Schaumweine (bei der Gen-Z offenbar weiterhin beliebt) und gering auch Proxies die Jugendzimmer der urbanen Republik erobern, liegt ausgerechnet jene Wein-Kategorie brach, die all das schon seit Jahrhunderten kann: fruchtsüße Rieslinge. Weine, die mit sieben, acht, neun Volumenprozent auskommen, die Trinkfluss statt Trainingseinheit sind, die Aromatik statt Alkohol feiern. Und dennoch gelten sie als Relikte vergangener Generationen (Ok, Boomer) – bis man an die Mosel fährt und einem Winzer wie Christoph Eifel begegnet. Eifel, Anfang dreißig, mit dem Lächeln eines Mannes, der seinen Beruf nicht gewählt, sondern gefunden hat (auch freilich, weil er im Beruf schon aufwuchs), steht im Weinberg wie jemand, der das Steillagen-Handwerk nicht als Romantik, sondern als Realität begreift. Man sieht es seiner Haltung an: die jahrelange Routine des Lesens, Schneidens, Prüfens, das Vertrauen in Reifegrade, die man nicht im Labor, sondern nur im Lesegut erkennt. Ein junger Winzer, der nicht mit Weinideologie-Holzhammer-Ambitionen antritt, sondern mit der Überzeugung, dass große Süße nur dann Größe hat, wenn sie präzise ist.
Genau das zeigen seine beiden so richtig fruchtsüßen Rieslinge, die exemplarisch dafür stehen, welch enormes Potenzial diese Kategorie für die junge Trinkkultur hätte, würde man sie denn endlich aus ihrer Nische befreien – vor allem die Kabis. Die Riesling Trockenbeerenauslese 2023 aus der Lage Trittenheimer Apotheke ist ein konzentrierter Mikrokosmos: goldfarben, aber nicht schwer; viskos, aber nicht fett; süß, aber niemals klebrig. Schon in der Nase erkennt man die Ernsthaftigkeit des Jahrgangs: Nuss, Orangenzeste, getrocknete Aprikose – keine überbordende Südfrucht-Exotik, kein Terroirsalze-Parfüm, sondern klare, straffe Süße. Am Gaumen setzt sich das fort: eine majestätische Fülle, aber sofort aufgefangen von einem dunklen, präzisen Bitterton, der wie ein architektonisches Gegengewicht funktioniert. Trinkste weg wie nichts. Und verglichen sind Eifels tolle Süßigkeiten preislich immer noch ein Witz. Und Langstreckenläufer sowieso.
Die Auslese 2024 aus dem Piesporter Goldtröpfchen spielt im gleichen Orchester, aber mit anderer Stimme. Sie ist heller, unbeschwerter, verspielter. Mehr Zitrus, ein Tick Kumquts und Litschi, mehr Leichtigkeit, ein Hauch von Jugendlichkeit, der sich nicht anbiedert. Auch hier finden sich Orangenzeste und eine fein gesetzte Nussnote, aber das Finale ist offener, animierender. Die Süße wirkt wie ein pulsierend gesetzter Akzent, nicht wie ein Gewand. Für viele wäre das bereits die perfekte Balance: niedrig im Alkohol, hoch im Charme, und doch zu selten im Glas der unter Vierzigjährigen.
Denn das eigentliche Drama der fruchtsüßen Rieslinge liegt nicht in ihrer Stilistik, sondern in ihrer Wahrnehmung. Zu lange wurden sie als Dessertweine einsortiert, als Begleiter für Feiertage, als museale Stücke im Regal des Altwerdens und Altseins. Weil: Für viele ältere Trinker sind sie sentimentale Erinnerungen an lange verschwundene Weinkarten. Doch für die Jüngeren sind sie oft schlicht unbekannt – weil quasi aus der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei passen sie wie kaum eine andere Kategorie zur Gegenwart: Sie benötigen keine Ausdauer, sie überfordern nicht, sie überladen nicht. Sie sind leicht, aromatisch, langlebig – und dabei authentisch Mosel.
Christoph Eifel zeigt, wie zeitgemäß diese Weine sein können, wenn man sie präzise, sauber und ohne aromatische Ablenkung keltert. Keine Kräuterschwaden, keine Schiefersplitter, keine verkitschte Botrytisromantik. Stattdessen klare Linien: Frucht, Zeste, ein definierendes Bitter, ein Spiel aus Moselschiefer und strahlender Säure. Genau so schmecken Süßweine, die die Gen-Z ansprechen könnten – wenn man sie nur an sie heranließe. Dass diese Weine in der Weinkrise oft unsichtbar bleiben, liegt nicht an ihrer Qualität, sondern daran, dass sie in keinem Trenddiagramm vorkommen. Sie sind weder Naturwein noch Pet Nat, weder Orange noch „Zero ABV“. Sie sind einfach nur gut – und das ist heute fast schon ein Nachteil.
Aber vielleicht kommt ihr Moment wieder. Vielleicht entdeckt eine Generation, die sich längst von starren Kategorien verabschiedet hat, gerade in diesen Weinen die Freiheit, die sie sucht. Eifel, der auch sehr gute und präzise trockene Rieslinge keltert, beweist mit seiner TBA 2023 und der Auslese 2024, wie brillant diese Weine sein können – und wie leicht es der Markt sich selbst macht; leicht, sie zu übersehen.

