(Manfred Klimek / Mixology)
Wir zögern bei dieser Frage instinktiv. Zu viele Superlative, zu viele reflexhafte Gegenargumente, zu viele gute Weine, die ebenfalls Anspruch erheben könnten. Und doch drängt sich genau diese Frage auf, wenn man die Cuvée Marsannier von Knipser trinkt – nicht aus nationalem Überschwang, sondern aus sachlicher Verwunderung. Denn dieser Wein stellt nicht nur stilistische Gewissheiten infrage, sondern auch geografische.
Marsanne und Viognier sind in Deutschland Fremdkörper. Rebsorten ohne Tradition, ohne Lobby – null Erwartungshaltung. Genau darin liegt die Freiheit der Winzer. Während deutsche Weißweine sich oft an historisch gewachsenen Kategorien abarbeiten – Riesling hier, Spätburgunder dort –, setzt Knipser mit dem Marsannier auf einen radikalen Perspektivwechsel: nicht Herkunft verteidigen, sondern Qualität behaupten.
Marsanne ist dabei der stille Star dieser Cuvée. In der Hermitage, einer der prestigeträchtigsten Weißweinlagen der Welt, entstehen aus Marsanne – oft gemeinsam mit Roussanne – ein paar der langlebigsten, tiefgründigsten Weißweine überhaupt. Weine, die jung oft verschlossen wirken, mit Luft und Zeit jedoch eine fast unerschütterliche Ruhe entwickeln: nussig, kräutrig, salzig, mit jener inneren Vibration, die nicht aus Säure, sondern aus Struktur entsteht. Marsanne ist keine Duftrebsorte (obwohl ihr Duft, ihr Aroma kräftig wirken), keine Blenderin. Sie ist von Beginn an gut gebaut. Und muss keine Aufwertung über Fass und Hefe in Anspruch nehmen.
Viognier dagegen liefert das Gegengewicht. Auch Duft, ein Tick mehr Textur, Breite im Auftakt und Auftritt. Aber auch hier zeigt Knipser bemerkenswerte Disziplin. Der Viognier im Marsannier bleibt gezügelt, kippt nicht ins Parfümierte, sondern wirkt wie ein bewusst eingesetzter Akzent. Weiße Blüten, gelbe Frucht, ein Hauch Exotik – mehr Andeutung als Aussage. Zusammen ergibt das eine Cuvée, die erstaunlich kühl bleibt, obwohl sie aus Sorten besteht, die man gemeinhin mit südlicher Opulenz verbindet.
Was diesen Wein so bemerkenswert macht, ist seine Selbstverständlichkeit. Er will nicht erklären, warum Marsanne und Viognier in der Pfalz funktionieren. Er tut es einfach. Gelbe Frucht, dezente Würze, ein ruhiger, dichter Kern, dazu eine Textur, die den Wein länger trägt, als man erwartet. Kein Säurefeuerwerk, kein Holzakzent als Beweisführung. Stattdessen: Balance, Tiefe, Trinkfluss. Ein Weißwein, der mit jedem Schluck souveräner wird.
Genau hier beginnt die finale Relevanz – vor allem für die Gastronomie. Der Marsannier ist kein Solist für Verkostungen, sondern ein Wein für den Tisch. Er funktioniert zu Fisch, Geflügel, Kalb, Gemüse – und verblüffend gut zu Käse. Er überfordert nicht – trotz seines Anspruchs, ein sonderbarer Sonderwein zu sein.
Dass ein solch ungewöhnlicher Wein ausgerechnet von einem der populärsten deutschen Weingüter kommt, ist freilich kein Widerspruch. Knipser beherrscht diese Kunst seit Jahren: ambitionierte Weine zu machen, die nicht elitär auftreten. Der Marsannier ist kein intellektueller Provokationswein, sondern ein Angebot. Eines, das leise, aber bestimmt sagt: Deutsche Weißweinkultur muss nicht an deutschen Rebsorten enden.
Ist er also der beste Weißwein Deutschlands? Vielleicht ist das die falsche Frage. Die bessere lautet: Welcher andere deutsche Weißwein erweitert derzeit den Horizont so konsequent, ohne dabei konsequent deutsche Herkunft zu bemühen? Und da wird die Liste plötzlich sehr kurz.
(Mehr über Knipsers Weine in der nächsten Printausgabe des Barmagazins “Mixology” – Meininger Verlag)

