(Manfred Klimek / Redaktion / animiertes Foto: Weingut & Runwayml)
Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr das war. Späte Neunziger, sehr frühe Zweitausender vielleicht. Ich weiß nur, dass ich damals ziemlich überzeugt war, deutscher Rotwein sei im besten Fall ein vielleich gut gemeintes Missverständnis. Etwas, das man aus Höflichkeit probiert, aber nicht aus Lust trinkt. Zu dünn, zu sauer, zu sehr mit dem tradierten Zeigefinger gemacht. Frankreich und Italien waren gesetzt. Und auch Österreich und Ungarn, ein bisschen Spanien und Napa. Aber Deutschland und Rotwein? Sicher! Nicht!
Und dann kam dieser Merlot von Philipp Kuhn.
Ich erinnere mich an das einprägsame Etikett, nicht aber an einen Jahrgang, nicht einmal an den genauen Ort, an dem ich ihn zum ersten Mal getrunken habe. Was geblieben ist, ist die Erinnerung an ein Gefühl der Irritation. Dieser Wein passte nicht in mein Bild. Er war dunkel, immens fruchtig, ruhig, konzentriert, ohne breit zu werden. Kein Lehrstück, kein Kommentar zu irgendetwas. Einfach ein Wein, der stand. Und sehr gut schmeckte. Zu gut!
Ich nahm ein paar Flaschen mit nach Wien. Aus einer Laune heraus, vielleicht auch aus Neugier, stellte ich sie in Karaffen auf den Tisch und schenkte sie blind aus. Kein Hinweis, kein Kontext. Die Reaktionen waren erstaunlich einhellig: Bordeaux, Norditalien, vielleicht etwas Toskanisches. Niemand – wirklich niemand – dachte an Deutschland. Als ich es auflöste, war da erst Unglaube, dann Gelächter, dann dieses kurze Schweigen, das entsteht, wenn etwas neu sortiert werden muss.
Das war kein Erweckungserlebnis, eher ein Riss im eigenen Denken. Und wie das mit solchen Rissen oft ist: Man geht nicht sofort hindurch. Ich habe Kuhn danach lange nicht mehr getrunken – fast zwei Jahrzehnte nicht. Nicht aus Müßiggang, eher aus einer seltsamen Form von Zufriedenheit. Ich hatte verstanden, dass deutscher Rotwein mehr kann, als ich ihm zugetraut hatte – und zog weiter.
Erst viele Jahre später bin ich zurückgekommen. Ohne Erwartung, ohne Nostalgie. Vielleicht sogar mit einer leichten Skepsis: Was bleibt von solchen frühen Eindrücken, wenn man sie nicht pflegt? Die Antwort: Erstaunlich viel.
Die heutigen Weine von Philipp Kuhn haben weniger von dem demonstrativen Ernst, den man früher so oft mit deutschem Rotwein verband. Sie müssen sich und dem Winzer nichts mehr beweisen. Der Pinot Noir aus dem Kirschgarten (2019) zum Beispiel: kein alles toppendes Burgund-Kostüm, kein Zitieren großer Namen. Kirsche ja, aber kühl, klar, nicht süß. Tiefe ohne Schwere, Spannung ohne Nervosität. Tick Hagebutte, Kleiner Tick Pflaume, Überraschend viel Cassis und Blaubeere. Kein Eukalyptus. Ein großer deutscher Pinot.
Oder der Viognier (2022). Eine Sorte, die ich – außerhalb der Rhone – lange gemieden habe, weil sie so oft ins Parfümierte kippt. Hier nicht. Kein exotisches Ausstellen, keine Opulenz. Eher Duftigkeit, Präzision, eine schon verblüffend zurückhaltende Eleganz. Man merkt, dass hier jemand weiß, wie schnell Viognier zu viel werden kann – und bewusst davor Halt macht. Kommen wir zu den beiden Favoriten des neu Verkostens:
Cabernet Franc Laumersheimer Reserve 2019
Was mich bei diesem Cabernet Franc von Philipp Kuhn überrascht, ist nicht seine Kraft, sondern diese Selbstverständlichkeit, eine Bordeauxtraube, noch dazu eine reinsortig kaum bekannte und fordernde, so krass präzise auf seine würzige Fruchtigkeit zu erden – lecker Wein. Der Franc trägt ja historisch den Ruf des Schwierigen, des manchmal zu heftig Grünen, des allzu Herb-Intellektuellen – und genau dagegen arbeitet dieser Wein. Er ist dunkel, dicht, kühl grundiert, aber nie sperrig. Lorbeerblatt, Olive, Waldboden, Pilze, nasser Stein, Pfeffer, dazu eine Frische, die nicht aus Säureprotzerei entsteht, sondern aus Spannung. Das Holz ist da, aber nicht als Möbel, eher als Raum. Plötzlich steht da ein Wein, der mühelos neben großen Loire-Gewächsen bestehen kann, ohne sich stilistisch anzubiedern. Kein deutscher Cabernet-Franc-Exot, sondern ein international ernstzunehmender Rotwein mit Herkunft und innerer Ruhe.
Blaufränkisch Laumersheimer Reserve 2019
Dieser Blaufränkisch ist dann der Störenfried im besten Sinn. Eine Rebsorte, die man gedanklich immer noch im Burgenland parkt, wird hier ohne folkloristische Rückversicherung in die Pfalz gestellt – und funktioniert. Nicht elegant im burgundischen Sinn, nicht allzu charmant, sondern fruchtig dunkel, würzig, fast archaisch. Teersalbe, schwarzer Pfeffer, schwarze Kirsche, Bitterschokolade, Kreide, Salz der Minerale und ein Tick Paradeiser. Der Wein ist dicht, ja, aber nicht plump. Er zieht eher nach innen als nach außen, verlangt Aufmerksamkeit, Zeit, Luft. Dass so etwas aus Laumersheim kommt, wirkt zunächst irritierend – und genau darin liegt seine Qualität. Kein Stilzitat, kein Regionenkostüm, sondern ein Blaufränkisch, der zeigt, wie offen Kuhn denkt, und das seit Jahrzehnten.
Rückblickend war dieser Merlot damals weniger ein einzelner großer Wein als ein großer Türöffner. Er hat mir gezeigt, dass meine Gewissheiten brüchig sind – und dass genau darin der Reiz liegt. Heute, Jahrzehnte später, ist Philipp Kuhn für mich kein Überraschungsmoment mehr, sondern eine Konstante. Und für immer der Winzer, der mir deutschen Rotwein erst schmackhaft machte.

