(Von Henry Crowhurst – UK / Redaktion/ animated pic: New South Wales Wines – Runwayml)
Wales? Das ist jener Teil des UK, der den Prince of Wales vom Königshaus geschenkt bekommen hat, damit die Waliser ihre Lanzen und Schwerter im Keller lassen. Hat gut geklappt (bis auf den Streik der Bergbauarbeiter in den frühen 1980ern). Und sie durften auch ihre keltisch geprägten Ort- und Dorfsnamen behalten, etwa “Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch” – was abschreckend genug sein sollte, diesen (doch schönen) Teil des Königsreichs nicht zu besuchen. Denn die Waliser haben es gerne ruhig – Leute wie wir machen bloß irre viel Smartphonebilder und stören nur. Und dann gibt es hier Wein. Wein in Wales, genauer in “New South Wales”. Geht das? Geht! Seit dem Klimawandel noch besser: mehr Sonne, weniger Regen – und die milden Winter des Golfstoms.
Die Entwicklung des aktuellen Waliser Weinbaus ist eine gerade mal 50 Jahre alte Geschichte. Wir könnten also denken, Wales und Wein seien historisch nie so eine echt enge Beziehung eingegangen. Das stimmt aber nicht: es ist eher so eine On-Off-Geschichte – mit Unterbrechungen.
Die Römer, wer sonst, pflanzen auch hier ihre importierten Reben – weil ihre Soldaten die Suchtkranken der caesarsichen und augustianischen Epoche waren.
Die Wikinger landen an – und finden Wein offenbar sehr entbehrlich.
Nach der Schlacht von Hastings bringen die Franzosen Know-how nach Wales – der Weinbau erlebt eine zweite “Blüte”. Allerdings unter Besatzung, die dann zunehmend die Lust am Weinbau im feuchten Klima verliert.
Und dann kommt Heinrich VIII, nationalisiert Wales als Provinz – und beendet das Kapitel Weinbau erneut. Weine in Wales, die natürlich nur von Adel und Kirche getrunken Weine, kommen danach über Jahrhunderte aus Frankreich oder Portugal. Der Weinbau überlebt – meist zum Eigen und Dorfbedarf – lediglich auf nur wenigen Parzellen.
Und dann: Seit den 1960er- und 70er-Jahren wächst in Wales wieder mehr Wein. Hartnäckig, unaufgeregt, mit einer gewissen trotzig-walisischen Beharrlichkeit. Heute existiert eine stabile Szene von Weingütern, die regelmäßig Auszeichnungen gewinnen – was in einem Land mit etwas mehr Regen als in Weinbaugebeiten üblich, fast schon als sportliche Leistung gelten darf.
Denn das Klima ist, sagen wir: charakterbildend – wenn auch zunehmend freundlicher und an die Region Champagne erinnernd, so wie es dort noch in den 1970ern war. Also atlantisch: Sonnenschein eher als Gast nur im Weinbau nützlicher Monate – immerhin. Doch freilich nicht gerade das natürliche Habitat für mediterrane Weinfantasien
Also pflanzt man hier auch keine Cabernet-Sauvignon-Träume, sondern Solaris, Rondo, Bacchus, Regent. Früh reifend, robust, pragmatisch. Rebsorten, die auch unter einem Regenschirm arbeiten können.
Und aus diesen eher nüchtern klingenden Voraussetzungen entstehen erstaunlich vielfältige Weine:
Schaumweine – häufig aus Seyval Blanc, eine Rebsorte, die sonstwo keiner kennt.
Stillweine weiß – wo Solaris mehr kann, als der Name vermuten lässt.
Stillweine rot – Rondo liefert die stabilsten Ergebnisse. Ist aber eher nicht das Ding hier.
Und sogar aufgespritete Weine aus Regent, weil man sich hier nicht scheuen kann, Methoden nicht auszuprobieren.
Der eigentliche Unterschied zu England liegt im Denken. England schaut gern Richtung Champagne und fragt: „Können wir das auch?“ Wales fragt eher: „Was geht hier – aber bitte ohne Theater?“
Weniger Nachahmung, mehr Anpassung. Weniger Prestige-Drehbuch, mehr Regionalrealität. Minimaler Eingriff, passende Sorten, realistische Erwartungen. Fast schon sympathisch unaufgeregt.
Viele Weingüter setzen stark auf Gastfreundschaft: Vineyard Hotels, Degustationen mit Aussicht, Zimmer zwischen den Reben. Das klingt zunächst nach Wochenend-Romantik – ist aber vor allem wirtschaftliche Logik. Denn Wein alleine trägt noch nicht all das, was er kostet – und wird wahrscheinlich noch lange nicht alles tragen können.
Ein erfolgreiches Waliser Weinbau-Beispiel ist das Jabajak: Restaurant, Unterkunft, eigene Weine. Ihr Schaumwein Rosé wurde von WineGB mit 91 Punkten bewertet. Ein walisischer Rosé, der ernst genommen wird – das hätte man vor dreißig Jahren eher für einen Monty-Python-Sketch gehalten.
Weitere Betriebe:
Velfrey – zwei Jahrgänge in Folge Bronze bei WineGB für ihren Schaumwein. In Großbritannien nennt man so etwas „consistency“, was hier fast wie ein Ritterschlag klingt.
Vale Vineyard – gewann mit einem Rondo 2023 den Preis für den besten “alternativen Rotwein”. Und setzte sich gegen englische Konkurrenz durch. Man darf sich lachende Waliser vorstellen. Endlich die Briten geschlagen. Und das mit Rotwein!
Auffällig ist: Obwohl deutlich weniger Weine zu britischen Bewerben eingereicht werden als in England, ist der Anteil ausgezeichneter walisischer Weine bemerkenswert hoch. Qualität scheint hier also kein Unfall zu sein. Was aber fehlt: Wahrnehmung.
Denn Englischer Wein bekommt Schlagzeilen, Investoren, Aufmerksamkeit. Wales bekommt dagegen bloß Weintourismus ab. Die Branche hängt stark an Hospitality und Weinreisen. Wenn der Tourismus läuft, wächst auch der Weinbau. Wenn nicht, brauchen sie hier in Zukunft mehr noch guten Humor.
Die große Frage ist also nicht mehr: Können die Winzer in Wales passablen und auch guten Wein machen? Das beantworten bereits die Bewertungen von WineGB und Decanter über mehrere Jahrgänge hinweg. Die Frage ist: Kann sich eine Region dauerhaft im Weinbau behaupten, die mit einem nur kleinen Marketingbudget auf Weltreise geht?
Onwards and upwards – mit Gummistiefeln. 🍷

