(Manfred Klimek)
Es gibt für gewöhnlich zwei Gegebenheiten, die große Winzer ausmachen. Erstens: ihre Weine. Zweitens: Ihr Einfluss im Weinbau des Landes. Anton Kollwentz, der Winzer mit dem Hut, erfüllte beide. Das machte nicht nur seine Weine zur Ikone, sondern auch ihn selbst, diesen stets freundlichen, zugewandten, schlauen alten Mann, den ich von meiner Jugend an seit seiner Mitte des Lebens kannte, als er noch im Saft stand, und ich, nach dem Weinskandal 1985, gerade neue Weine zu suchen begann. Diese fand ich zumeist bei sehr jungen Winzern meiner Generation. Aber eben auch bei jenen “Altspatzen” wie Kollwentz, die begriffen hatten, dass kein Stein auf dem anderen bleiben darf, wenn der österreichische Weinbau überleben soll.
Er überlebte, meisterte die Krise und stieg aus seiner Asche empor. Die österreichischen Winzer und Verbände haben sich in den 80-Jahren ganz von alleine aus dem Dreck gezogen. Und einer dieser Winzer, nicht der Geringste jener, war eben Anton Kollwentz.
Anton Kollwentz aus Großhöflein am Leithaberg ist am 4. März 2026 im Alter von 85 Jahren gestorben. Mit ihm verliert der österreichische Weinbau einen seiner stillen, aber entscheidenden Wegbereiter – einen Mann, der niemals große Gesten brauchte, um große Wirkung zu entfalten; sondern einer, der mit ruhiger Selbstverständlichkeit über Böden, Rebsorten und Fässer sprach – und dabei immer den Eindruck vermittelte, dass Weinbau vor allem eine Frage von Geduld und Erfahrung sei. Was ja auch stimmt.
Geboren 1940, im Krieg, als Kind Entberhungen erfahrend, übernahm Kollwentz bereits als sehr junger Mann Verantwortung im elterlichen Betrieb. Und schon früh zeigte sich sein Gespür für Entwicklungen. 1958 pflanzte er die erste größere Zweigelt-Ertragsanlage im Burgenland, wenige Jahre später kelterte er den ersten Ausbruch außerhalb von Rust. Doch seine eigentliche Bedeutung für den österreichischen Weinbau liegt anderswo. Sie liegt in seiner konsequenten strategischen Arbeit in Keller und Weingarten. Während Österreich international um seine Glaubwürdigkeit kämpfen musste, entstand in vielen Betrieben eine neue, beeindruckende Ernsthaftigkeit. Österreichs Weinbau war “im Oasch”, Kollwentz war einer jener erfahrenen Winzer, die damals Orientierung gaben.
Vor allem in Sachen Rotwein. Vor allem, etwas später, in Sachen Weißwein.
Zu einer Zeit, als Österreich international fast ausschließlich mit Weißwein verbunden wurde, arbeitete Kollwentz bereits daran, das Potenzial des Burgenlands für große Rotweine sichtbar zu machen. Anfang der 1980er-Jahre setzte er sogar gegen den Widerstand der Behörden eine Sondergenehmigung zur provokanten Pflanzung von Cabernet Sauvignon durch – damals ein beinahe revolutionärer Schritt. Gleichzeitig blieb er dem Blaufränkisch verbunden, den er immer als eine der großen Rebsorten der Region verstand.
Aus dieser Arbeit entstanden Weine, die heute zu den Ikonen des Landes zählen: Steinzeiler, Point, Setz und Dürr (rot) und Tatschler, Neusatz, Katterstein, Gloria und Steinmühle (weiß); Namen, die für Generationen von Weintrinkern zum Synonym für große burgenländische Weine wurden – ikonische Premiumkreszenzen.
Ein entscheidender Teil dieser Stilistik lag im Umgang mit Holz. Lange bevor der Ausbau im Barrique im österreichischen Weinbau selbstverständlich wurde, experimentierte Kollwentz intensiv mit französischen Eichenfässern und mit der malolaktischen Gärung. Über Jahrzehnte entwickelte sich daraus eine Erfahrung im Holzausbau, die dem Weingut bis heute einen besonderen Vorsprung verschafft hat. Bei Kollwentz war Holz nie Mode – sondern als Moderne gedachtes Werkzeug, um Struktur, Tiefe und Lagerfähigkeit zu formen.
Wer Kollwentz’ Weine trank, verstand schnell, dass hier jemand mit großer Konsequenz arbeitete. Kraft war erlaubt, aber nie ohne Balance. Reife war wichtig, aber nie ohne Balance. Balance war und ist im Weingut das große Gut.
Auch außerhalb des eigenen Betriebs engagierte sich Kollwentz für den burgenländischen Weinbau. 1995 wurde der Verein Renommierte Weingüter Burgenland gegründet, dessen Präsident er zehn Jahre lang war. In dieser Rolle trug er wesentlich dazu bei, das Burgenland international als Herkunft großer Rotweine sichtbar zu machen.
Doch so sehr sein Einfluss in der Branche anerkannt war – persönlich blieb Anton Kollwentz, treu seiner Natur, stets ein eher zurückhaltender Mensch. Einer, der lieber über Wein sprach als über sich selbst. Genau darin liegt die Größe seines Lebenswerks.
Denn vieles von dem, was heute selbstverständlich wirkt – die internationale Anerkennung burgenländischer Rotweine, das Vertrauen in Herkunft und Lagen, der präzise Einsatz von Holz im Ausbau – wurde von Winzern wie Kollwentz vorbereitet und gestaltet. Und wenn wir heute eine Flasche Steinzeiler, Dürr, Tatschler oder Steinmühle öffnen, dann erzählt sie nicht nur von einem Jahrgang und einem Weinberg, sondern sehr viel von jenem einst jungen Paar im Burgenland, das, bewusst oder unbewusst, dem Weinbau des Landes einen Stempel prägen sollte.
Und das macht gute und sehr gute Winzer zu großen Winzern. Boys to Men: Da war Anton Kollwentz früh mit dabei. Ich danke für viele große und glückliche Stunden.

