(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Ich bin Österreicher. Ich bin Wiener. Und ich bin der einzige Wiener und Österreicher, der nicht skifahren kann. Und es auch nie lernen wollte. Im ewigen Disput Berge oder Meer bin ich der Mann des Meeres. Deswegen bin ich selten in den Alpen. Diesmal, nach Jahren, war ich wieder auf den Kuppen und zwischen den Felsmassiven – um Wein zu trinken. Im zweiten Teil der Serie Wein alpin kehren wir kurz dorthin zurück, wo wir in der letzten Kolumne endeten: in die neue Weinbar des Hotels Sandhof, ein Ort, der Weinenthusiasten nur glücklich machen kann. Clemens Riedl, Gründer der Weinhandelsfirma Trinkreif (spezialisiert aus gereifte Weine), ist hier mit für die Karte verantwortlich und hat ein paar Tipps, welche Weine zwischen 50 und 250 Euro er hier trinken würde.
Wir beginnen mit einem Rotwein von Rosi und Hannes Schuster aus Rust im Burgenland, Jahrgang 2024 (in der Bar für € 52,00), eine beachtlich süffige Cuvée aus Blaufränkisch, St. Laurent und Zweigelt. Kirsche satt, ein wenig Cassis und ziemlich viele exotische Kräuter. Duftig, elegant und wunderbar mittelgewichtig. Der zweite Wein ist schon eine gesuchter Weißwein, der Chablis AC 2022 (€ 75,00) von Laurent Tribut. Clemens Riedl sagt: „Laurent Tribut gehört zu den stilleren, aber sehr verlässlichen Namen in Chablis.“ Stimmt. Verlässlich ist hier auch jener klassische Chablis-Stil, der Jahrzehnte lang aufgrund absurder Massenproduktion verloren war.
Auffallend auf der Karte auch der sehr günstige Trebbiano Abruzzo von Amarotti (€ 68,00) – aber mir gelüstete nach einem alten Weißwein. Und Riedl hat einen 1997er Riesling Kellerberg Smaragd vom Wachauer Weingut Knoll auf der Karte (€ 150,00), der dringend geköpft gehörte. Mein Verhältnis zu den 1997er Smaragdweinen aus der Wachau, vor allem zu jenen Kreszenzen hervorragender Weingüter, war stets ambivalent. Der Grund: In ihrer Jugend waren diese Weine schlicht untrinkbar: zu viel Botrytis, eine Edelfäule, die vor allem für das Lesegeut der meisten Süßweine verantwortlich ist, hatte diese Weine über fast 15 Jahre quasi unzugänglich gemacht – zu fett, zu alkoholreich, zu einsilbig im Auftritt in Nase und Mund. Schon damals ließ der berühmter Wachauer Winzer Franz Xaver Pichler uns Kritikern und mir ausrichten, dass wir allesamt Trotteln sind, die nicht kapieren, wie groß diese Weine im Alter sein werden. Und er hatte recht.
Wir schließen die letzte Runde in Lech mit einem herausragenden weißen Bordeaux, dem Smith-Haut-Lafie blanc 2017 (€ 250,00), eine Cuvée aus Sauvignon, Semillion und Pinot Gris. Riedl meint, dass diesem Wein in der Cuvée vor allem die Sorten Semilion und Grauburgunder einen wichtigen Abstand zur Dominanz des Sauvignons verschaffen. Und er hat recht.
In einem Lokal in den Bergen lernte ich ein Weingut in den Bergen, das ich so nicht auf der Liste gehabt hätte: das Weingut Garlider der Familie Kerschbaumer in Feldthurns bei Bozen. Christian Kerschbaumer jr. hat das nur 4 Hektar große Weingut auf bio umgestellt und keltert vor allem ein paar Lieblingssorten der Deutschen mit einer ganz eigenen Handschrift: kühl, elegant, mit immenser Sortentypizität, die jedoch nie nach dem Applaus der billigen Plätze sucht. Der Müller-Thurgau 2023 (€ 14,60), sonst eine mir immer zu blumiger Wein, verliert hier einen Gutteil seines oft aufdringlichen Geschmacks und glänzt mit einer Eleganz, die die Frucht maßregelt und die Salze der Minerale mit vor den Vorhang holt. Dann ist da Garliders ganz eigene Interpretation von Silvaner (Jahrgang 2023, € 16,90) im Glas: Nashi-Birne, kühler grüner Apfel, gering Steinobst, mehr Quitte und auch ein Tick Himbeere. Der Grüne Veltliner 2023 (€ 18,50) überlässt den ersten Eindruck im Glas nicht dem pfeffrig-würzigem, sondern der burgundischen Kraft der Sorte: für einen einfachen Veltliner ein erstaunlich gewichtiger Wein. Von Sylvaner und Veltliner gibt es auch „Hautnah“-Versionen, also Reserveweine, die aber erstmal ein paar Jahre in den Keller gehören.
Eigentlich wollte ich noch einen jungen deutschen Winzer am Ostrand der Alpen, der auch alpinen Gegend nahe dem Berg Geschriebenstein, vorstellen. Aber über den schreibe ich dann in einer eigenen Kolumne über diese sehr sehr eigene Region.

