(Claude Auguste / Foto: Messe Düsseldorf / animated pic: runwayml)
Es gibt in der Welt des Weins einen seltsamen Reflex: Kaum gerät etwas unter Druck, beginnen die Leute, den Abgesang zu proben. Das gilt für Rebsorten, für Regionen – und nun auch für Messen. Seit einiger Zeit höre ich immer wieder diesen Tonfall, wenn der Name ProWein fällt. Zu teuer. Zu deutsch. Zu leer in manchen Hallen. Zu wenig Glamour im Vergleich zu Paris. Das ist wohl alles richtig. Und trotzdem werde ich nächsten Montag in ein Flugzeug steigen, das mich von Verona nach Düsseldorf bringt.
Nicht, weil ich glaube, dass dort die Zukunft des Weins entschieden wird. Sondern weil die ProWein genau jetzt ein Ort ist, an dem man erscheinen sollte.
Ich bin Rechtsanwalt, kein Romantiker. Aber ich habe in meinem Leben genug Winzer getroffen und mehr als ausreichend Weine getrunken, um zu wissen: Der Weinbau ist kein Business wie jedes andere. Er ist ein Beruf mit Gedächtnis. Mit Generationen. Mit Reben, die länger leben als ihre Besitzer.
Und genau deshalb sind auch Weinmessen nicht bloß Märkte. Sie sind Versammlungen eines Berufsstandes, der sich selbst vergewissern muss, dass er noch existiert.
Die ProWein war einmal ein Triumph der europäischen Weinwelt. In den 1990er-Jahren, als der Weinboom Fahrt aufnahm, strömten Winzer aus allen Regionen nach Düsseldorf. Händler aus Amerika, Sommeliers aus Tokio, Journalisten aus London – alle trafen sich dort zwischen Probiergläsern und Spucknäpfen, als sei es das Davos des Rebensafts.
Heute ist die Stimmung anders. Der Wein steht unter Druck, moralisch wie wirtschaftlich. Die Welt trinkt vorsichtiger, manche sogar gar nicht mehr. Gleichzeitig wird der Wettbewerb härter, die Märkte komplizierter, die Logistik teurer. Und plötzlich wirkt eine Messe wie Düsseldorf nicht mehr wie eine Selbstverständlichkeit, sondern wie eine Institution, die sich rechtfertigen muss.
Ich verstehe diese Skepsis. Aber ich halte sie auch für kurzsichtig. Denn der Wein ist eine Kulturtechnik. Und Kulturen verschwinden selten, weil sie schlecht sind – sie verschwinden, wenn ihre Vertreter aufhören, an sie zu glauben. Deshalb fliege ich nach Düsseldorf. Nicht, um jede Halle zu sehen. Nicht, um mir 500 Rieslinge einzuschenken. Sondern um das zu tun, was man in Krisenzeiten tun sollte: Präsenz zeigen.
Es ist ein seltsames Paradox unserer Branche. Winzer sprechen gern von Gemeinschaft, von Tradition, von Herkunft. Aber sobald eine Messe wackelt, rechnen viele plötzlich wie Investmentbanker: Wo bekomme ich den besseren Return on Investment? Wo die größere Bühne? Wo das schönere Restaurantviertel? Das mag ökonomisch vernünftig sein. Doch Wein war nie nur Ökonomie. Die ProWein ist vielleicht nicht mehr der glamouröseste Ort der Branche. Aber sie ist immer noch ein Treffpunkt der europäischen Weinwelt. Ein Ort, an dem deutsche, österreichische, französische, italienische und spanische Winzer sich nicht nur verkaufen, sondern auch begegnen.
Ich kenne junge Winzer aus Südtirol, aus der Wachau, aus dem Jura, die sich dort zum ersten Mal getroffen haben. Ich habe dort Importeuren aus Kanada zugehört, die plötzlich ein kleines Weingut aus dem Burgenland (Gut Oggau) entdeckten. Und ich habe gesehen, wie zwei alte Winzer von der Mosel und von der Rhône sich über einen fränkischen Silvaner unterhielten, als ginge es um eine Frage der Weltphilosophie – ging es ja auch!
Solche Dinge passieren nicht im Internet. Sie passieren dort, wo Menschen sich ansehen, ein Glas heben und sagen: Probier das mal.
Vielleicht, nein sicher, ist genau das der Grund, warum ich trotz aller Zweifel fliege. Weil eine Branche, die gerade über ihre Zukunft diskutiert, Orte braucht, an denen sie sich physisch begegnet. Paris mag schöner sein. Das Essen besser. Die Hotels günstiger. Aber Düsseldorf ist – zumindest für ein paar Tage im März – immer noch ein Ort, an dem man sehen kann, ob der europäische Wein noch zusammensteht.
Und wenn ich ehrlich bin: In Zeiten wie diesen fährt man nicht nur zu den Siegern. Man ist Mensch. Weintrinker. Und solidarisch!

