(Thorsten Kogge / Redaktion / Pic: Messe Karlsruhe / Animation: rumwayml)
Niemand auf der Welt hat auf sie gewartet. Bis auf ein paar Menschen in Karlsruhe und Umgebung – die EUROVINO, auch erst kürzlich zu Ende gegangen.
Noch eine Weinmesse? In einem Markt, der ohnehin mehr Termine kennt als gute Argumente? Klingt zunächst wie eine jener Ideen, die aus Excel-Tabellen geboren werden – und dort besser geblieben wären. Doch dann steht man in Karlsruhe. In einer Halle. Nur einer. Und beginnt zu ahnen, dass genau darin die Pointe liegt. Und dass es ein guter, entspannter Rundgang werden wird.
Die EUROVINO ist die vielleicht erste Weinmesse seit Jahren, die nicht größer sein will als sie ist. Rund 500 Aussteller, keine globalen Allmachtsfantasien, kein hektisches Abhaken von Hallenpläne. Stattdessen: Übersicht. Konzentration – und zwei bis drei angenehme Follow-Ups am Abend. Und – fast schon irritierend – Zeit. Zeit für Gespräche, die länger als zwei Minuten dauern. Zeit für Weine, die nicht im Strom untergehen. Zeit für Begegnungen, die nicht im Gedränge enden.
Man läuft durch diese Halle und merkt recht bald: Hier geht es nicht um Größe, sondern um Nähe. Ein kleiner Betrieb aus der Pfalz, ein paar Schritte weiter ein burgundisches Handelshaus, dann wieder Mosel, Elsass, Italien. Europa, verdichtet auf Laufdistanz. Kein Kontinenten-Hopping, sondern ein bewusst gesetzter Fokus. Super!
Dass ausgerechnet Karlsruhe dieser Messe eine Heimat gibt, ist fast schon subversiv. Keine Metropole, kein Glamour, keine künstliche Überhöhung. Dafür Nähe zu Baden, Pfalz, Elsass, Württemberg – und Winzer, die ohne logistischen Wahnsinn anreisen können. Keine Hotelpreise, die an Börsenkurse erinnern. Keine Messe, die ihre Gäste finanziell bestraft.
Organisiert von der Karlsruher Messe, wirkt das Ganze wie ein Gegenentwurf zum überdehnten Messebetrieb der letzten Jahre: kleiner, europäischer, kontrollierter. Fast könnte man sagen – vernünftig. Ein Wort, das im Weinbusiness lange als Beleidigung galt.
Und was ist das? Das da im Glas?
Erstaunlich viel Substanz. Die Schaumweine etwa zeigen, wie breit sich Qualität inzwischen verteilt hat. Ein Crémant d’Alsace von Arthur Metz – frisch, floral, mit mineralischem Zug – trinke ich gefährlich schnell fast leer. Nyetimber, der Premium-“Schampus” aus England demonstriert einmal mehr, dass die Champagne nicht mehr allein über Deutungshoheit der großen Schaumweine verfügt.
Auch Deutschland zieht nach, und zwar erneut verblüffend ernsthaft. Nik Weis und Bassermann-Jordan bringen Sekte, die nicht mehr als Nebenprodukt gedacht sind. Die „Cuvée Clara“ von Nik Weis (ca. 22 €): präzise, modern, mit genau jener Balance, die ein jüngeres Publikum sucht, ohne es zu unterfordern.
Und dann diese Momente, für die man eigentlich auf Messen fährt – die man aber oft nicht mehr erlebt: Entdeckungen!
Tim Thesen von der Mosel etwa. Kaum jemand kennt ihn, aber die Weine stehen da mit einer Selbstverständlichkeit, die irritiert. Alte Reben, klare Linien, Preise, die fast wie ein Fehler wirken – muss das alles so günstig sein? Leider ja, denn die deutschen Konsumenten wollen für Weine aus Steillagen nicht mehr zahlen als für maschinell geerntete Weine aus flachen Lagen.
Oder Gut Hermannsberg, wo der „7 Terroirs“ Riesling zeigt, dass Einstieg heute ein relativer Begriff ist. Struktur, Würze, Tiefe – und das ohne die Schwere, die man früher dafür in Kauf nehmen musste.
Frankreich liefert erwartbar stark. Aber auch hier ohne großes Theater. Louis Latour, Chartron et Trébuchet, Magnien – solide, präsent, zugänglich. Und das Elsass, wieder einmal, als leiser Gewinner: Emile Beyer, Demeter, Pfersigberg Grand Cru – ein Wein voll der Größe, die ihm nachgesagt wird.
Die EUROVINO ist keine große Bühne. Und genau das ist ihr As im Messepoker.
Sie ist eine Messe für Menschen, die tatsächlich mit Wein arbeiten – oder ihn ernsthaft trinken wollen. Kein taumelndes Volk auf der Suche nach der nächsten offenen Flasche.
Stattdessen: Konzentration. Und Maß – eine verlorene Größe.

