(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Am Sonntag wählt Ungarn ein neues Parlament. Erstmals seit Jahren trauen Meinungsforscher und Politologen der Opposition zu, die Fidez-Regierung Victor Orbans abzulösen. Bevor ich morgen einen Blick auf die – selbst auch miterlebten – politischen Einflussnahmen von Fidez im Weinbau werfe, gehen wir heute in das Jahr 2023 zurück, in dem ich zwei Winzerinnen im Tokaj besuchte. Dieser Text erschien in einer anderen Form auch in der WELT am SONNTAG, die der Auftraggeber der Reportage vor Ort war.
Es gibt eine alte Erzählung. Sie hielt mehrere Jahrhunderte lang und lautete bis 1945: Die beste Weine der Welt werden in Frankreich, Deutschland und Ungarn gekeltert. Dann aber kamen das zwanzigste Jahrhundert und die mordenden Ideologien. Von den drei Weltweinländern dieser Erzählung blieb nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur Frankreich über. Und neue Weltweinnationen – Italien, Spanien, Neue Welt – kamen hinzu.
Nach dem Niedergang der Ideologie-Regimes wurde nichts mehr wie es war. Die Plätze am Weinbuffet der Welt sind spätestens nach 1990 neu besetzt. Und das bleibt so. Also mussten sich auch die Winzer und Weinhändler in Ungarns bekanntester Weinregion, dem Tokaj, neu erfinden. In den letzten zehn Jahren wird dieses neu Erfinden – und das in einem Land, wo Machismo vor allem in den ländlichen Regionen zum Alltag gehört – mehr und mehr in die Hände von Winzerinnen und Weinmanagerinnen gelegt, die, sehr still und leise, die Weine des Tokaj neu aufstellen: eleganter, präziser, leiser, europäischer und vor allem trinkfreudiger; eine Entwicklung, die auch manch westlichem Weinbaugebiet gut tun würde.
Judith Bott kennt sich bei Kühen gut aus. Die heute 47jährige Agrarwissenschafterin wollte Kühe züchten, eine Kuhfarm schwebte ihr vor, glückliche Wiederkäuer auf naturbelassenen Weiden in der östlichen Slowakei, woher Judith und ihr Mann Jozef herstammen – aus dem kleinen, vergessenen Teil des grenzübergreifenden Anbaugebietes gleichen Namens.
Doch dann kam der Weinbau, dieses „übergeordnete Interesse“, wie Bott sagt, wohl um den strapazierten Wort Leidenschaft auszuweichen. Judith Botts übergeordnetes Interesse gilt vor allem und fast ausschließlich der Region Tokaj und den Rebsorten Furmint und Lindenblättriger und dem dem Aspekt, was diese autochthonen Rebsorten auch trocken ausgebaut der Weinwelt erzählen können. Klar kann Bott auch Süßweine, jeder hier kann Süßweine. Doch die Königinnendisziplin im Tokaj heißt seit gut zehn Jahren: trockene Furmint und Lindenblättrige – heute gibt es mehr trockene Tokajer, als die Jahrhunderte lang gerühmten fruchtsüßen. Kann man sagen, dass sich das Tokaj neu erfunden hat? „Kann man sagen“, sagt Bott, die heute auch die ungarische Staatsbürgerschaft besitzt, „denn ohne die trockenen Weine würde das Tokaj heute wohl kaum mehr Bedeutung haben.”
Judith Bott und ihr Mann Jozef wohnen seit sechs Jahren in ihrem Weingut, ihrer Bott-Pince in Bodrogkeresztúr – früher waren Wohn- und Arbeitsort aus finanzieller Not heraus getrennt. Das Haus war ein einst ein Kulturtreffpunkt, daran angeschlossen eine ehemalige Keramikfabrik; ein großes, teils ungenütztes Gelände, das die Botts günstig erwerben konnten. Wer wissen will, wie man mit wenig Geld ein auch international bekanntes Weingut ins Leben ruft, der kann bei den Botts in Lehre gehen. Die einst wortwörtlich armen Schlucker, haben sich in den letzten zwanzig Jahren ein stabiles Unternehmen hingestellt, das aber auch heute noch die Trauben mehrheitlich aus gepachteten Weingärten holt – wenig Besitz, viel Reputation. Ist der Weinbau im Tokaj weiblicher geworden? „Ich weiß nicht, ob man das generell so sagen kann“, antwortet Bott, „aber ich kann ihnen so ungefähr fünfzehn Winzerinnen in der Region nennen. Für Ungarn ist das eine sehr hohe Zahl.“ Nicht nur für Ungarn.
Winzerinnen? Die gab es bis vor vierzig Jahren kaum im Weinbau. Und wenn es sie gab, dann gab es sie, weil kein männlicher Erbe da war, der von den Eltern, also vom Vater, bestimmt, das Weingut weiterführen konnte. Der Blick der Winzer auf Wein war ein rein männlicher Blick, denn die Arbeit in Garten und Keller ist harte, körperliche Arbeit, die über Jahre in die Knochen geht. Winzer, das waren Männer, die mit sechzig oft nicht mehr aufrecht stehen konnten – wenn sie überhaupt sechzig wurden.
Als der Weinbau, die einzige Kulturlandwirtschaft der Welt, aber mehr und mehr Geld einbrachte, da konnten auch kleine Weingüter schwere Arbeiten delegieren. Und als dieser neue Weinbau, der, der Geld verdiente, zusätzlich intellektuelles Potential begehrte, also ein Nachdenken über Lage, Kleinklima, Kellertechniken und die Verkaufspolitik der Betriebe, da sahen sich weltweit auch Winzertöchter aufgerufen, im Betrieb partizipierend oder alleine das Sagen zu haben. Das hat zu anderen, viel, viel besseren und bekömmlicheren Weinen geführt. Und auch dazu, dass viele Winzer begriffen haben, dass sie auch für Frauen keltern; nun vor allem für Frauen, die ihre Weine selber bestellen, kaufen und trinken.
Eine weitere Geschichte von In-die-Welt-Hinausgehen und wieder nach Ungarn zurückzukommen erzählt auch die Winzern Vivien Ujvary, doch steckt sehr viel Singuläres in diese Biogarafie, die man in der Weinwelt sonst nicht gleich oder ähnlich erzählt bekommt, denn die 39jährige Ujvary verantwortet nicht nur die Weine der Barta-Pince in Mad, sondern auch die Weine ihres alten Familienweinguts am Balaton. Dieses Famlienweingut hat aber nur 0,65 Hektar Welschriesling und Weißburgunder, was sozusagen nichts ist, denn von diesen paar Rebzeilen kann man jährlich nur Trauben für rund 2000 Flaschen generieren. Weil Ujavaris Balaton-Kreszenzen aber in den ungarischen Top-Sternrestaurants Winekitchen und Textura ausgeschenkt und in ungarischen Vinotheken als Geheimtipp gehandelt werden, gilt sie im Lande als Ausnahmewinzerin. Das, und ihre internationale Karriere, begonnen als Winzerlehrling in Kalifornien und in Neuseeland, haben die Besitzer der Barta-Pince dazu aufgerufen, ihrem Betrieb einer Winzerin zu überantworten, die nicht nur gleich eine gewinnende Persönlichkeit an den Tag legt, sondern auch extrem reflektiert über die Region, die Böden und das Klima berichten kann. Und sie setzt in den Barta-Weinen konsequent jene Kelterkultur um, die man sehr wohl als weiblich verschlagworten kann und die heute als Teil der Moderne im Weinbau verankert ist. Also elegantes, vielschichtiges, das Holz der Fässer absolut dezent aber wirksam einsetzendes Handwerk, das die brüllenden Weine des Gestern weit in den Schatten stellt. Gibt es so etwas wie eine weibliche Revolution im Tokaj? „Was ich sagen kann“, atwortet Ujvary, „ist, dass hier im Tokaj Winzerinnen wohl weniger Skepsis entgegenschlägt als anderswo in Ungarn. Und, mir zumindest, keine Steine in den Weg gelegt wurden, das zu tun, was ich für richtig halte.“

