(Redaktion / animated pic: runwayml / Studie: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Zusammenarbeit mit ausländischen Instituten gleicher Art, 2025/26)
Karten wie jene hier oberhalb erzählen mitunter mehr als ganze Studien. Auf den ersten Blick reduziert sie Europa auf Farben – rot, blau, dazwischen ein paar unentschlossene Übergänge. Doch hinter diesen Farben liegt eine der härtesten Kennzahlen überhaupt: Sterblichkeit vor der Zeit. Gemeint ist das frühe Erkranken und Sterben, meist vor dem 75. Lebensjahr, und zwar nicht schicksalhaft, sondern durch vermeidbare Risiken. Lebensführung, Ernährung, soziale Umstände – all das schreibt sich in diese Karte ein. Auch der Alkoholkonsum. Und welcher Alkohol konsumiert wird.
Die roten und dunkelroten Zonen zeigen, wo diese Vorsterblichkeit besonders hoch ist. Auffällig ist dabei die geografische Verdichtung: große Teile Osteuropas, aber auch der Osten Deutschlands. Regionen, in denen Männer und Frauen (letztere geringer) überproportional früh sterben, in denen Risiken nicht abgefedert, sondern verstärkt werden. Dem gegenüber stehen die blauen Zonen – Südfrankreich, Spanien, Italien, große Teile des Mittelmeerraums. Hier ist die Vorsterblichkeit deutlich geringer, teilweise dramatisch geringer.
Und genau hier beginnt die eigentliche Beobachtung, die für uns interessant ist. Denn diese Karte ist keine Alkoholstudie. Sie sagt nichts direkt über Wein, Konsum oder Abstinenz. Und doch zeigt sie ein Muster, das sich nicht ignorieren lässt: Dort, wo Wein Teil des Alltags ist, wo er nicht als Ausnahme, sondern als Begleiter zum Essen verstanden wird, tritt diese Form der Vorsterblichkeit seltener auf. Nicht gar nicht – aber signifikant weniger.
Das heißt nicht, dass Wein gesund macht. Diese Verkürzung wäre nicht nur falsch, sondern genau jene Art von Vereinfachung, die wir in anderen Debatten gerade kritisch sehen. Was diese Karte vielmehr nahelegt, ist ein Zusammenhang von Lebensstil. Wein ist hier weniger Ursache als Indikator. Ein Zeichen für etwas Größeres: regelmäßige Mahlzeiten, soziale Einbindung, ein anderes Verhältnis zu Genuss und Maß.
Interessant wird es dort, wo dieses Muster bricht. Ostösterreich und Ungarn etwa – beides Regionen mit ausgeprägter Weinkultur – liegen dennoch in den roten Bereichen. Ein Hinweis darauf, dass Wein allein nichts kompensiert. Wenn Ernährung einseitig ist, wenn Rauchen eine größere Rolle spielt, wenn soziale oder ökonomische Faktoren dominieren, dann greifen die potenziellen Vorteile eines moderaten Weinkonsums nicht. Dann wird aus einem kulturellen Element kein Schutz, sondern bestenfalls ein Nebengeräusch.
Noch deutlicher zeigt sich das im Osten Deutschlands. Hier ist nicht Wein das prägende Getränk, sondern traditionell stärkerer Alkohol – Korn, Schnaps, Hochprozentiges. In Kombination mit Ernährungsgewohnheiten, die weniger auf Frische und Vielfalt setzen, ergibt sich ein anderes Bild. Eines, das sich in der Karte fast brutal klar abzeichnet. Dunkelrot ist hier keine abstrakte Kategorie, sondern Ausdruck realer Lebensverläufe.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus eine moralische Hierarchie zu bauen. Auch in den blauen Regionen gibt es Menschen, die keinen Wein trinken – und dennoch sehr alt werden. Und umgekehrt gibt es in roten Regionen genügend Weintrinker, die von diesen Risiken betroffen sind. Die Karte ist kein Beweis, sondern ein Hinweis. Ein Muster, das sich wiederholt, aber nicht alles erklärt. Nicht alles erklären kann.
Was sie jedoch sehr deutlich macht: Kultur und Alltag spielen eine größere Rolle, als es viele aktuelle Debatten vermuten lassen. Der Unterschied liegt nicht allein im Glas, sondern im Kontext, in dem es steht. Wird getrunken, um zu begleiten – oder um zu kompensieren? Gehört Alkohol zu einer Mahlzeit – oder ersetzt er sie? Ist Genuss eingebettet – oder isoliert?
Das ist der Punkt: Nicht, dass der Süden „alles richtig“ macht und der Osten „alles falsch“, sondern dass Lebensweisen sich langfristig einschreiben – in Körper, in Statistiken, in Farben auf einer Landkarte. Wein ist darin ein Teil, aber eben nur ein Teil.

