(Claude Auguste / animated pic: runwayml)
Es gab einmal eine Zeit, da wusste Europa, eigentlich die ganze Welt, ziemlich genau, was es, was sie, trinken wollte. Und zwar nicht im Sinne von „Entdeckung“ oder „Terroir-Diskurs“, sondern ganz praktisch: Was steht auf der Karte, was kennt man, was bestellt man ohne nachzudenken. Weißwein war damals kein önologisches Abenteuer von Naturweinwinzern, sondern blanke Gewohnheit. Und diese Gewohnheit hatte Namen.
Einer davon: Edelzwicker. Elsass. Klingt heute wie ein Witz, war aber einmal ein ernst gemeintes Angebot. Edelzwicker war der Wein für alle, die sich nicht entscheiden wollten – oder konnten. Ein bisschen Riesling, ein bisschen Gewürztraminer, vielleicht noch etwas Pinot Blanc, meistens aber Gutedel und Silvaner, alles zusammen, fertig ist die Cuvée. Der Name selbst schon eine Mischung aus Anspruch und Augenzwinkern. Edel, aber eben auch gezwickt, zusammengezogen. In den 70ern und 80ern stand Edelzwicker überall auf den Karten, von der Dorfwirtschaft bis zum besseren Restaurant. Heute? Verschwunden. Fast. Nur ein paar Unverbesserliche halten ihn noch am Leben. Und eine Version hat überlebt: „Gentil“ von Hugel. Der Edelzwicker, der sich geschniegelt hat; geschniegelt genug und umbenannt, um in der Gegenwart nicht ausgelacht zu werden.
Dann: Entre-Deux-Mers. Bordeaux, aber bitte weiß. Eine ganze Region, die einmal dafür stand, dass man auch im Land der großen Roten ganz passabel Weißwein machen kann. Frisch, leicht, ein bisschen grasig, Sauvignon, Semillion und Muscadelle, ein bisschen Zitrus, immer korrekt, nie aufregend. Entre-Deux-Mers war der Weißwein der Vernunft. Man bestellte ihn, wenn man Bordeaux, aber keinen Bordeaux trinken wollte. Eine Zwischenlösung – der Name sagt es schon. Zwischen den Meeren, zwischen den Ideen. Heute ist diese Zwischenlösung bei uns weitgehend verschwunden. Der Markt hat sich entschieden: Wenn Bordeaux, dann rot. Und wenn weiß, dann bitte national.
Und dann wäre da Gavi. Gavi di Gavi, wenn man es ganz genau nehmen wollte. Piemont, Cortese-Traube, ein Wein, der einmal als Inbegriff italienischer Eleganz galt. Schlank, frisch, mit einem Hauch Bitterkeit im Abgang, der damals als sophisticated durchging. Gavi war der Weißwein der besseren Trattoria, der Begleiter zu Fisch, zu Antipasti, zu Gesprächen, die spät im Abend ein wenig zu laut geführt wurden. In den 80ern und 90ern lange noch ein Fixpunkt. Heute? Noch da, aber irgendwie still geworden. Verdrängt von allem, was aromatischer, lauter, internationaler und mehr ökologisch ist. Gavi ist geblieben, aber niemand redet mehr darüber.
Und schließlich: Lacryma Christi del Vesuvio. Schon der Name ein Ereignis. Die Tränen Christi – da musste mal drauf kommen. Ein Wein mit Geschichte, mit Mythos, mit einer Flasche, die aussah, als hätte man sie direkt aus einer Sakristei entwendet. Schlank, hochgezogen, oft ein wenig zu dekorativ für das, was drin war. Der Wein selbst: eigen, manchmal gut, oft mittelmäßig, aber immer mit der großen Erzählung im Rücken. Man trank ihn nicht nur, man glaubte ein bisschen an ihn. Heute ist auch das vorbei. Der Vesuv steht noch, die Tränen sind versiegt.
Was all diese Weine verband, war ihre Funktion. Sie waren da. Sie waren verfügbar. Sie waren Teil eines Systems, in dem Wein nicht erklärt, sondern einfach nur bestellt oder verkauft wurde. Man wusste, was man bekam, und das reichte.
Heute ist alles anders. Wein muss etwas erzählen, muss Herkunft zeigen, muss sich rechtfertigen. Die alten Kategorien, diese pragmatischen Lösungen, haben es schwer. Sie sind zu einfach für eine Zeit, die Komplexität fordert – oder zumindest behauptet, sie zu brauchen.
Und doch fehlt etwas. Diese Selbstverständlichkeit. Dieses „Mach mir einen Edelzwicker“, ohne weitere Fragen. Dieses „Bring uns einen Gavi“, ohne dass jemand die Lage kennt. Diese Weine waren vielleicht nicht groß, nie groß. Aber sie waren Teil eines Alltags, den es so nicht mehr gibt. Den Alltag namens Selbstverständlichkeit.

