(Manfred Klimek / animated pic: runwayml)
Alois Lageder ist ein Mann, den man in Südtirol auch außerhalb der Weinwelt als eine jahrelang gesellschaftpoltische Person kennt. Südtirol, ohnehin eine Region zwischen den Ethnien und Situationen, hat in Lageder früh jemand Wichtigen gefunden, der diese Zwischenräume nicht als Problem verstand, sondern als Möglichkeit.
Ich habe Alois Lageder Ende der 1980er-Jahre nicht wegen seiner Weine kennengelernt. Ich war damals für eine Politreportage in Südtirol, es ging um das Wiedererstarken ultrarechter, deutschnationaler Kräfte im Schatten der ersten Erfolge der österreichischen FPÖ. Zwanzig Jahre nach den letzten Bombenattentaten der Tiroler Freiheitsbewegung war die Stimmung im Lande wieder angespannt, das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen erneut sehr fragil. Vieles wirkte wie auf Wiedervorlage des Ethnienkonflikts gelegt.
Und dann, mitten in dieser Reportage, dieser Besuch bei Lageder. Kein Gespräch über Politik, zumindest nicht im engeren Sinn. Sondern ein Rundgang durch einen gerade erworbenen, halb verfallenen Tiroler Ansitz. Und dort, fast beiläufig, die Präsentation einer Idee: Löwengang. Damals mal nur den Rotwein (den ich seit Jahren wegen dieses Erlebens treu bleibe). International gedacht. Aber nicht als Abkehr, sondern als Erweiterung. Lageder war sich sicher, dass sich in Südirol etwas verschiebt. Dass wirtschaftliches Zusammenwachsen im Land auch gesellschaftliche Spannungen befriedet. Eine Zuversicht, die in dieser Zeit alles andere als selbstverständlich war. Und Alois Lageder hatte recht.
Heute wirkt vieles davon eingelöst. Südtirol ist wirtschaftlich stabil, mehrsprachig selbstverständlich geworden, international vernetzt. Lageder hat diesen Weg nicht nur begleitet, sondern in seiner Branche, über die Branche hinaus, geprägt. Der Betrieb in Margreid (mit der Osteria und Vinothek “Paradeis” – ein echtes Paradies) gehört zu den ersten in dieser önologisch spannend gewordenen Region, der konsequent biodynamisch arbeiten. Nicht als greenwashing freilich, sondern als System. Weinbau als Kreislauf, als landwirtschaftliche Gesamtheit, in der Reben, Tiere und Böden zusammen gedacht werden.
Die Weine tragen diese Arbeitsweise, ohne sie vor sich herzutragen. Der Löwengang ist geblieben, mittlerweile in mehreren Varianten. Der Chardonnay gehört zu den bekanntesten Interpretationen der Sorte in Italien, mit Substanz, aber ohne Übertreibung. Der Cabernet Löwengang zeigt, wie diese internationale Rebsorte hier eine eigene Form finden können, ohne ihre Herkunft als Qualitätsrebe für Massen zu verleugnen.
Daneben stehen Weine, die stärker aus der Region heraus gedacht sind. Der Terra Alpina Pinot Grigio, oft unterschätzt, weil er zugänglich ist, dabei präzise und klar. Der Porer Pinot Grigio, der zeigt, was diese Sorte jenseits von Beliebigkeit leisten kann. Und schließlich der Casòn Bianco (Rebsorten; Viognier, Petit Marsanne, Rousanne, Marsanne, Semillon und Assyrtiko), eine Cuvée, die sich jeder schnellen Einordnung entzieht und genau darin so extrem spannend bleibt.
Heute wird das Weingut von Alois Lageders Sohn, Alois Clemens Lageder, geführt. Der Übergang verlief ohne Bruch, was bei dem umsichtig gefühten Betrieb auch kein Wunder ist. Die Richtung bleibt, die Entscheidungen werden weiterentwickelt. Man merkt, dass hier kein abgeschlossenes Modell verwaltet wird, sondern ein offenes System weiterläuft.
Einmal im Jahr wird dieses System auch nach außen geöffnet. SUMMA heißt die kleine Weinmesse, die Lageder organisiert, zeitlich parallel zur Vinitaly in Verona, aber in einer völlig anderen Dimension. Keine Großveranstaltung, kein Messetrubel, sondern ein konzentriertes Treffen von Winzern, die ein ähnliches Verständnis von Wein teilen. Hier stehen Flaschen, die man sonst selten nebeneinander findet. Hier wird probiert, diskutiert, verglichen. Hier wird Wein gedacht, wie es der philosophisch talentierte Alois Lageder einst andachte.
SUMMA ist damit mehr als nur eine eine weitere Weinmsse-Veranstaltung. Es ist eine Verdichtung dessen, was Lageder über Jahrzehnte aufgebaut hat: ein Netzwerk, eine Idee von Weinbau, eine Art, miteinander umzugehen. Man trifft dort Winzer aus Frankreich, Österreich, Deutschland, Italien, die sich nicht über Marktanteile definieren, sondern über ihre Arbeit.
Wenn man heute auf Lageder schaut, sieht man keinen einzelnen Wein, kein einzelnes Projekt, sondern ein Gefüge. Ein Weingut, das sich über Jahre hinweg verändert hat, ohne sich neu erfinden zu müssen, indem es sich immer neu erfindet. Giovanni di Lampedusa lässt grüßen. Eine Region, einst so richtig gespalten in seine Ethnien und Täler wuchs zusammen und stellt ein internationales Beispiel für den Erfolg auch poltisch schwieriger Regionen dar. Das wäre heute, in Zeiten des Social-Media-Hass nicht mehr möglich.

