(Redaktion)
Der Weinbau hat sich lange als ein System verstanden, das aus sich selbst, aus der Natur heraus funktioniert. Rebe, Boden, Klima – mehr brauche es nicht, so die klassische Erzählung. Alles andere galt als Störung. Oder als Korrektiv, das man möglichst unsichtbar hielt. Diese Erzählung hält sich bis heute, auch weil sie vor allem im Naturweinbau gut klingt. Sie ist anschlussfähig, sie verkauft sich. Und sie gerät zunehmend unter Druck. Und mit ihr geraten auch herkömmliche “grüne” Pflanzenschutzmittel unter Druck.
Das Projekt Grape4vine der Universität Mailand zeigt, wie weit sich die Realität bereits davon entfernt hat. Federführend sind unter anderem die Molekularbiologin Vittoria Catara und der Agrarwissenschaftler Giovanni Perazzolli, unterstützt von einem Konsortium aus Forschungseinrichtungen und industriellen Partnern, darunter das italienische Forschungszentrum CREA sowie mehrere Biotech-Unternehmen und Weinbaubetriebe.
Der Ansatz ist ebenso nüchtern wie radikal. Was im Weinbau bislang als Abfall anfällt – Trester, Rebschnitt, Rückstände aus der Verarbeitung – wird nicht mehr entsorgt, sondern zum Ausgangspunkt einer neuen Produktionslogik. Aus diesen Reststoffen werden sogenannte dsRNA-Moleküle gewonnen. Diese Moleküle greifen gezielt in die genetischen Prozesse von Krankheitserregern ein. Sie „schalten“ bestimmte Gene ab, die für die Ausbreitung von Pilzen und anderen Pathogenen notwendig sind. Krebspatienten und am der Forschung interessierte kennen diesen Prozess. Und Grape4vine ist ein Nebenprodukt der Krebsforschung – so absurd das vielleicht klingen mag.
Das Ziel ist klar: weniger klassische Pflanzenschutzmittel, weniger chemische Eingriffe, mehr Präzision. In einer Branche, in der Reben je nach Region bis zu zwanzig Mal pro Saison behandelt werden müssen, ist das ein Versprechen mit Gewicht. Und es ist Teil einer größeren Idee, die das Projekt ausdrücklich verfolgt: der Übergang zu einer zirkulären Ökonomie im Weinbau. Nichts soll verloren gehen, alles soll verwertet werden.
Das klingt nach Fortschritt. Und ist es auch.
Gleichzeitig verschiebt sich damit der Begriff von Natürlichkeit. Der Eingriff wird nicht mehr sichtbar auf die Pflanze aufgebracht, sondern findet auf molekularer Ebene statt. Nicht mehr das Mittel selbst steht im Fokus, sondern seine Wirkung im Inneren der biologischen Prozesse. Der Weinberg wird zum Ort einer Steuerung, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht. Genau das, der technische Ansatz, wird im naturverliebten Naturweinkeltern auf Misstrauen stoßen, denn da dämmert der böse Begriff “Gentechnik”.
Doch die beteiligten Wissenschaftler betonen, dass es sich nicht um klassische Gentechnik handelt. Es werden keine Gene verändert, keine Organismen dauerhaft modifiziert. Die dsRNA-Moleküle wirken temporär, sie zerfallen, sie hinterlassen keine bleibenden Spuren im genetischen Material der Rebe. Das ist der entscheidende Unterschied – und zugleich der Punkt, an dem die Diskussion beginnt.
Denn die Frage ist nicht nur, was technisch möglich ist. Sondern auch, was akzeptiert wird.
In ersten Stellungnahmen aus der Branche zeigt sich ein geteiltes Bild. Einige größere Betriebe und Genossenschaften sehen in solchen Verfahren eine notwendige Entwicklung. Klimawandel, Krankheitsdruck, regulatorische Vorgaben – all das zwingt den Weinbau zu neuen Lösungen. Präzisere, zielgerichtete Methoden erscheinen hier als logischer Schritt.
Andere äußern Zweifel. Vor allem Vertreter biodynamischer und traditionell arbeitender Weingüter stellen die Frage, ob ein solcher Eingriff noch mit dem Selbstverständnis ihrer Arbeit vereinbar ist. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus einem anderen Verständnis von Eingriff und Prozess. Wenn der Weinbau beginnt, auf genetischer Ebene zu steuern, verschiebt sich die Grenze dessen, was man unter „Arbeit mit der Natur“ versteht.
Auch auf Konsumentenseite ist die Lage offen. Der Markt reagiert sensibel auf Begriffe, die mit Biotechnologie assoziiert sind. Gleichzeitig wächst der Druck, nachhaltiger zu produzieren. Weniger Spritzmittel, weniger Belastung, mehr Effizienz – das sind Erwartungen, die sich nicht ignorieren lassen. Grape4vine steht genau in diesem Spannungsfeld. Zwischen technischer Innovation und kultureller Selbstbeschreibung. Zwischen dem Wunsch nach Reduktion von Eingriffen und der Einführung neuer, komplexerer Eingriffe.
Für den Wein bedeutet das eine stille, aber tiefgreifende Verschiebung. Das Narrativ vom unveränderten Produkt, das ausschließlich aus Boden und Klima entsteht, wird zunehmend ergänzt durch ein Wissen, das aus Laboren kommt. Nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung. Doch diese Erweiterung verändert den Blick. Der Weinbau wird dadurch nicht weniger anspruchsvoll. Im Gegenteil. Er wird komplexer. Und er verlangt nach einer neuen Form der Einordnung. Einer, die nicht sofort urteilt, sondern versteht, was hier passiert. Denn die Frage ist nicht, ob sich der Weinbau verändert. Das tut er längst.
Die Frage ist, wie wir darüber sprechen.

