(Claude Auguste / Redaktion / animated pic: runwayml)
Vor zwanzig Jahren galten Carolin Spanier und Hans Oliver Spanier in Rheinhessen nicht bloß als ambitioniert. Sie galten vielen als leicht verrückt. Zwei junge, gut aussehende Bürgerliche, die davon überzeugt waren, dass ausgerechnet Rheinhessen – diese Region, über die man im Rheingau und an der Mosel gerne als „umgepflanzte Kartoffeläcker“ spottete – große, präzise, langlebige trockene Weißweine hervorbringen könne. Und zwar Weltklasse. Und das war es, das mich, etwas älter als die beiden, sofort interessierte.
Rheinhessen war zu Beginn der 2000er-Jahre zwar flächenmäßig riesig, aber imagetechnisch noch tief im Schatten der deutschen Prestigegebiete gefangen. Viel Masse, viel Genossenschaft, viel einfache Literware. Dass ausgerechnet hier eine neue Weinbau-Avantgarde entstehen sollte, hielt man in vielen traditionellen Regionen für, subtil gesagt, grotesk. Große trockene Rieslinge? Aus Hohen-Sülzen? Aus der Grenzregion Zellertal (Ok: dort gab es schon davor eine gewisse Lagentradition)? Aus einer Gegend, die jahrzehntelang für unkomplizierte Schoppenweine stand, fürs Schunkelsaufen zu Heino-Songs?
Doch genau dort begannen Carolin Spanier und H.O. Spanier ihren Feldzug gegen die Mittelmäßigkeit, und sie taten etwas, worüber damals fast die gesamte umgebende Branche lachte: Sie stellten früh auf Biodynamie um. Gemeinsam mit Philipp Wittmann gehörten sie zu den allerersten ernstzunehmenden biodynamischen Betrieben Rheinhessens. Heute ist Biodynamie längst Teil eines internationalen Qualitätsdiskurses. Vor zwanzig Jahren war sie vielerorts ein Anlass für Spott. Von chemischen Hilfsmittel lassen? Viele Winzer hielten das für esoterischen Unfug. Manche taten es offen, andere hinter vorgehaltener Hand.
Die Gillot-Spaniers gingen trotzdem weiter, weil sie bemerkten, dass ihre Böden lebendiger wurden, ihre Trauben präziser reiften und ihre Weine an Spannung gewannen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Bei Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot war Biodynamie nie Folklore, sondern Mittel zum Zweck. Und der Zweck war immer derselbe: bessere Weine. Und dann war da noch das Experiment zwei eigentlich unterschiedliche Weingüter zu einem Gut zusammenzulegen und damit auch die historischen Erzählung, vor allem jene von Kühling-Gillot, einer frischen, einer neuen Legende unterzuordnen – einfach einen Strich drunter zu ziehen. Ohne Anwälte wie mich dazu zu benötigen.
Vor allem aber verstanden die beiden früh etwas, das damals nur wenige begriffen: Deutschland würde international nur mit trockenen Spitzenweinen wieder groß werden. Nicht mit Restzuckerromantik, sondern mit Herkunft, Präzision und Struktur.
Am Roten Hang in Nierstein, den Carolin Spanier aus der Familientradition mitbrachte, entstanden Rieslinge, die eine salzige Dramatik entwickelten. Pettenthal, Rothenberg, Ölberg oder Hipping zählen heute zu den großen trockenen Rieslinglagen Europas. Und H.O. Spanier begann parallel dazu das Zellertal neu zu denken. Eine Gegend, die lange kaum jemand ernst nahm. Kalksteinböden, kühle Luftströme, eine fast burgundische Klarheit der Säure – all das erkannte er sehr früh. Kirchenstück, Frauenberg oder Schwarzer Herrgott wurden zu Weinen, die zeigten, dass das obere Rheinhessen auch Tiefe, Spannung und Lagerfähigkeit konnte.
Wir dürfen dabei nie vergessen: Das alles geschah in einer Zeit, in der der deutsche Wein gerade erst begann, seine infernalische Nachkriegsprovinzialität abzuschütteln. Die alten Etiketten, die altväterische Sprache, die Behäbigkeit vieler Betriebe – dagegen setzten die Spaniers eine neue Ästhetik. Klarheit. Architektur. Präzision. Internationale Anschlussfähigkeit. Ohne dabei amerikanisierte Fruchtbomben für den Export zu produzieren.
Wirtschaftlich gingen die frischen Eheleute Risiken ein, die heute gerne vergessen werden. Große Lagen erneuern, biodynamisch arbeiten, internationale Märkte aufbauen, Keller modernisieren, ein Verkostungshaus und das Wohnhaus neu bauen – das alles kostete Geld. Viel Geld. Während andere noch diskutierten, investierten die Spaniers bereits in eine Zukunft, die sie deutlicher sahen als viele ihrer Kollegen.
Heute, nach 20 Jahren Arbeit im gemeinsamen Betrieb, sind Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot längst etablierte Größen. Ihre Weine werden über den Place de Bordeaux gehandelt, sie zählen zu den wichtigsten deutschen Exportbetrieben im Premiumsegment, und junge Winzer orientieren sich an ihnen, so wie man sich früher an französischen Vorbildern orientierte. Interessant bleibt vor allem die Geschwindigkeit dieses Aufstiegs. Zwanzig Jahre sind im Weinbau nichts. Eine Generation. Mehr nicht.
Und das ist die primäre Leistung der beiden: Dass sie bewiesen haben, wie schnell sich Weinregionen verändern können, wenn Menschen bereit sind, gegen den Spott, gegen die Behäbigkeit und gegen die Sicherheit zu arbeiten – gegen den Strom zu schwimmen. Aus den „Kartoffeläcker“-Regionen kamen plötzlich einige der präzisesten trockenen Rieslinge Europas.
Und die, die damals lachten, trinken diese Weine heute selbst ziemlich gerne.

