(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG / animated pic: rumwayml)
Ich habe mit Lenz Moser V (fünf) telefoniert. Die Zahl steht für den fünften Lenz Moser dieser österreichischen Weindynastie, die im internationalen Weinbusiness deswegen bekannt ist, weil Mosers Großvater, also Lenz Moser der Dritte, die „Erziehung“ der Reben im Weingarten in den 1950er-Jahren revolutioniert hatte. Die meisten der Weingärten, die wir heute durchwandern oder mit dem Rad durchqueren, sind in Deutschland und Österreich – und auch in vielen französischen und italienischen Weinregionen – nach Mosers „Hochkultur“ angepflanzt. Das bedeutet, dass anstatt 10000 Rebstöcken pro Hektar, wie früher üblich, nur rund 3000 Stöcke im Boden wurzeln, und dass die Reben sich einer Pfahl- und Drahtinstallation folgend ca. 120 bis 140 cm gen Himmel ranken. Das hat die Einzelstock- und Pergolakultur (Überdachung) im Weinbau abgelöst und die Arbeit der Winzer im Weingarten massiv erleichtert. Davor hatten alle im Weinarten Tätigen das, was wir heute als „Rücken“ titulieren – Kreuzschmerzen ohne Ende.
Moser hat mir über seinen neuen Wein erzählt, der demnächst auf den Markt kommt, rund 40 Euro kosten wird und eine Erweiterung seines Grüner-Veltliner-Projekts New Chapter ist: der New Chapter „Elevated“. Das Besondere dieses Bioweins, den Moser gemeinsam mit dem Traisentaler Winzer Markus Huber keltert, ist die Cuvetiierung, denn Moser darf laut dem sehr strengen österreichischem Weingesetz bis zu 15% einer anderen Rebsorte zumischen, ohne dass der Wein am Etikett als Cuvée tituliert werden muss. Manche Weinkritik-Fundamentalisten sehen in dieser Methode eine Verwässerung der Sorte, die den Wein trägt, andere, darunter ich, erkennen aber die Möglichkeiten, die dieses individuelle Keltern mit sich bringt. Moser und Huber haben ihren neuen Grünen Veltliner mit ein paar Fässern Riesling verfeinert – eine wahrlich nicht einfache Cuvée. Doch Moser sagt, dass gerade die im Traisental mit dominierenden Kalkböden, die es am anderen Ufer der Donau, also in den Regionen Wachau, Kremstal, Kamptal und Wagram eher selten gibt, hier den Rebsorten eine feinere, elegantere Basis gibt, sie zu cuvéetieren.
Und dann Ungarn!
Wir haben fast ein Stunde über Ungarn telefoniert, speziell über das Tokaj, wo Lenz Moser für mehre Projekte tätig war und tätig ist. Jenes Tokaj, an welchem auch der abgewählte ungarische Ministerpräsident Victor Orban, einen „Narren gefressen hatte“. Dieser Urwiener Ausdruck heißt übersetzt, dass Orban vernarrt in das Tokaj war. Und das hatte Folgen.
Ich war zwischen 2010 und 2024 vier Mal mit Lenz Moser im Tokaj und habe mit ihm fast alle bedeutenden und auch progressiven Weingüter besucht. Und ich habe mitbekommen, wie viel neue Infrastruktur das System Orban im Tokaj gebaut hat – viel mehr als in anderen Gegenden des Landes. Ich habe aber auch erlebt, dass der weltgewandte Geschäftsführer des mit irre viel Investitionen komplett erneuerten Staatsweinguts Grand Tokaj während unseres Besuchs gemeinsam mit seinem Board über Nacht entlassen und ausgewechselt wurde – am nächsten Morgen, beim nächsten Termin, war er einfach weg, war verschwunden, ging nicht mehr ans Telefon. Und die Personen, die nun das Ruder übernehmen würden, so sagte mir eine Mitarbeiterin, stünden mehr in der Gunst der Regierung in Budapest. Gut: ein Staatsweingut gehört dem Staat. Aber dass hier im Hintergrund auch Partei- und Regierungsinteressen außerhalb des Weinbaus eine Rolle spielten, war augenscheinlich. Staatsweingüter gibt es in Deutschland und Österreich ebenfalls – und sie machen meist eine sehr gute Arbeit. Doch sind auch Staatsweingüter in Deutschland nicht frei von politischen Interventionen. Ein derart krasses Auswechseln des Führungspersonal aber, ist bei uns eher unüblich. Und wenn, dann wird es von den Medien bemerkt und kritisch begleitet. Das war bei Grand Tokaj freilich nicht der Fall.
Lenz Moser engagiert seit ungefähr 2014 auch im Tokaj – er kennt die Region gut und im Detail. Und er ist einer der wenigen Ausländer dort, der der Region zwar mit Liebe, aber auch mit Nüchternheit begegnet. Er weiß ob ihrer Probleme. Und diese Probleme können wir mit jenem des deutschen Weinbaus vielleicht auch nicht gering vergleichen. Das Problem lässt sich in einer Frage zusammenfassen: War das Setzen auf rein trockene Weine ein Irrtum?
Diese Frage lässt sich selbstredend nicht einfach und umfassend beantworten. Aber ich will aus dem Gespräch mit Moser und anderen Winzern im Tokaj – und auch Winzern in Deutschland – eine Zusammenfassung wagen. Zuerst der historische Blick: Noch 1938 gab es in der internationalen Weinwelt – dort, wo Geld zu machen war und die nur aus der US-Ostküste und aus dem United Kingdom bestand – nur drei große Weinnationen. Frankreich (Bordeaux, Burgund und Loire). Deutschland (mit Mosel, Saar und Rheingau). Und Ungarn mit dem Tokajer und geringer auch süffigen Rotweinen aus Weinregion um die Stadt Eger (Eger Stierblut). Italien war weit davon entfernt am Weltweinmarkt mitzumischen. Auch Spanien, Chile, Australien oder das Napa Valley belieferten nur Region und Nation. Das änderte sich mit der Lücke im Weltweinmarkt, die der Mordbrand der Nationalsozialisten und die Planwirtschaft des verheerenden, osteuropäischen Kommunismus hinterließ. Die restsüßen Weine Deutschlands, von Kabinett bis hin zur Trockenbeerenauslese, verloren ihre Märkte. Und die restsüßen ungarischen Tokajer, mit ihrem Büttensystem ähnlich gestaltet wie deutsche Süßweine, wurden auf Masse statt Qualität getrimmt und vom Staat in Staatsweingüter gepresst, wo Qualität keine Bedeutung hatte. Erster Exportmarkt wurde die Sowjetunion, wo sie in der Nomenklatura schon seit der Zarenzeit traditionell dem Tokajer frönten.
Nach der Wende und dem Ende der Planwirtschaft vollzog sich im Weinbau des Tokaj genau jener Wandel, der auch im deutschen Weinbau aus Gründen des Weinskandals von 1985 Platz griff, als in fruchtsüßen Weinen der verbotene Konservierungsstoff Glykol nachgewiesen werden konnte: in den für ihre restsüßen Weine bekannten Regionen wurde der Weinbau, auch auf Verlangen damals junger Konsumenten, auf trockene Weine fokussiert. Und beide Leitreben, Riesling und Furmint, sind dafür prächtig geeignet, wie die trockenen Rieslinge Deutschlands seit etwa 1995 beweisen. Und die trockenen Furmints seit ca. 2005 ebenfalls. Nur: der internationale Absatz funktioniert nicht so, wie er funktionieren sollte. Und das erst recht, seit sich die Generation der Jahrtausendwende-Geborenen mehr und mehr vom Wein abwendet.
Lenz Moser hat dafür eine Erklärung für das Tokaj, die auch für die Mosel und das Rheingau eine gewisse Gültigkeit besitzt: es fehlt den Regionen und auch den Nationen das Bewusstsein der einstigen geschichtlichen Größe. Und auch der Stolz drauf. In Ungarn, so sagt Moser, sogar mehr als in Deutschland, wo der Patriotismus leider immer noch vom Nationalismus ideologisch falsch in die Zange genommen wird. Deswegen will Moser, mit fast 70 Jahren, eine Initiative starten, die dem Export von trockenen wie auch süßen Tokajern eine neue Stimme gibt. Und ich will im Schlusssatz die Behauptung wagen, dass man die junge Generation, zeitgeistig als Generation-Z abgekürzt, mit halbtrockenen Weinen, mit großartigen Kabinettweinen und ebenso halbtrockenen Furmints zurück in die Weinwelt holen könnte. Denn das intellektuelle Projekt rein trockener Weine in Regionen, die für fruchtsüße Weine bekannt waren, das können wir heute erkennen, funktioniert nicht so, wie Winzer und Weinbaupolitiker dachten.

