(Klimek / Redaktion / animated pic: runwayml)
41 Grad? Da vergeht selbst dem versierten Weintrinker die Lust auf Wein. Spätestens jetzt verlieren selbst die dogmatischsten Weineinthusiasten ihre Würde: Menschen, die sonst stundenlang über Maischestandzeiten, Kalkböden und Burgunderklone diskutieren, stehen plötzlich vor dem Kühlschrank und denken einen Gedanken, den sie sich nie zu denken getraut hätten: Vielleicht doch ein G’spritzter.
In Österreich heißt er G’spritzter. In Deutschland Weinschorle. Beide Begriffe lösen ungefähr dieselben Reflexe aus. Die einen sehen darin den Untergang der europäischen Weinkultur. Die anderen die einzige Möglichkeit, einen Nachmittag unter einer Platane zu überleben. Ich gestehe: Im Hochsommer gehöre ich zur zweiten Gruppe. Es gibt Tage, an denen ein Smaragd schlicht keinen Sinn ergibt. Man bewundert ihn. Man liebt ihn. Man lässt ihn im Keller. Der Körper verlangt nicht nach 14 Volumenprozent, sondern nach Flüssigkeit. Möglichst kalt. Möglichst viel davon.
Der G’spritzte war deshalb nie ein Sakrileg. Er war immer Überlebensstrategie. Das eigentliche Sakrileg beginnt erst jetzt. Denn wenn schon sämtliche Hitzerekorde Europas fallen, warum sollte ausgerechnet der Wein jenes Kulturgut bleiben, das er ist? Die klassische Mischung aus Weißwein und Soda genügt den Bedingungen des Klimawandels längst nicht mehr. Zeit also für die neue Generation der Weinschorle.
Mein erster Vorschlag trägt den schönen Namen Dorn Zero. Man nehme eiskalte Cola Zero und füge einen respektvollen Schuss Dornfelder hinzu. Niemand wird behaupten können, der Dornfelder hätte dadurch an Charakter verloren.
Nummer zwei richtet sich an Süßweinliebhaber. Ein Glas eisgekühlter Riesling-Eiswein trifft auf ebenso kalten Pfefferminztee. Das Ergebnis schmeckt ungefähr so, als hätte ein Rheingauer Winzer einen Wellnessurlaub gebucht.
Für Esoterik-Traditionalisten empfiehlt sich die Steinfeder Total. Grüner Veltliner Steinfeder, auf vier Grad heruntergekühlt, mit Granderwasser verlängert. Das Granderwasser verändert zwar nachweislich nichts, aber der Glaube war im Weinbau ohnehin immer eine wichtige Kategorie.
Die vierte Variante ist nur etwas für Mutige. Kefir direkt aus dem Kühlschrank, dazu ein kleiner Schuss Sauternes. Der Edelfäule begegnet der Milchsäure. Frankreich trifft den Kaukasus. Wahrscheinlich verbietet das irgendwann eine UNESCO-Konvention.
Noch eleganter wirkt die Asia-Schorle. Eiskalte Zitronengrasessenz, großzügig mit Verjus verlängert. Kaum Alkohol, aber der feste Wille, trotzdem an Wein zu denken.
Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Fino-Sherry mit Tonic. Lambrusco mit geeistem Espresso. Grüner Veltliner mit Gurkenwasser. Champagner auf kaltem Kokoswasser. Doch Irgendwo endet auch meine Toleranz.
Das Schöne an diesen Gedankenexperimenten ist ohnehin etwas anderes. Sie machen deutlich, wie unerquicklich manche Wein-Debatten geworden sind. Seit Jahren wird erbittert darüber gestritten, welche Rebsorte wichtiger ist, welche Maische länger liegen muss, welches Holzfass moralisch vertretbar erscheint und ob man Eiswürfel in Wein werfen darf. Natürlich darf man. Man darf auch Mineralwasser hineingießen. Man darf den Wein sogar einfach trinken, ohne vorher zehn Minuten über ihn zu sprechen.
Wein besitzt nämlich eine Eigenschaft, die in der Weinwelt gelegentlich vergessen wird. Er ist ein Getränk. Und Getränke haben seit jeher eine Aufgabe. Sie sollen Durst löschen. Nicht jedes Glas muss eine Offenbarung sein. Nicht jeder Schluck verändert das Leben. Manchmal reicht es völlig aus, wenn einem nach dem ersten G’spritzten nicht mehr heiß ist.
Die große Kultur des Weins geht daran nicht zugrunde. Sie überlebt sogar Cola Zero mit Dornfelder. Knapp zwar. Aber sie überlebt.

