(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Rankings beherrschen die Welt – und das nicht nur seit es Wahlen gibt oder seit den Charts der Rock- und Popmusik, die in den 1950er-Jahren begannen, die Popkultur zu werten. Rankings nerven, machen aber die Suche nach Außergewöhnlichem leichter. Etwa nach außergewöhnlichen Weingütern. Und dafür gibt es seit 2020 die „World’s 50 Best Vineyards“, eine Liste, die von sich behauptet, die besten Weingüter der Welt zu versammeln, tatsächlich aber vor allem eines dokumentiert: wie sehr die Weinwelt im Jahr 2025 – inmitten ihrer größten Krise seit der Reblaus im 19ten-Jahrhundert – nach Orientierung sucht. Schnell ist beim ersten Blick auf die im Web veröffentlichte Liste klar: hier wird sie sie nicht finden.
Man muss wissen, wer hinter diesem Ranking steht, um seine Sichtbarkeit – und seine Blindstellen – zu verstehen. Die Liste wird von William Drew, Tim Brooke-Webb und Mark Sansom verantwortet, drei Köpfe jener angelsächsischen Gastro-Medienwelt, die schon die „World’s 50 Best Restaurants“ zum globalen Hypeformat gemacht haben: eine Hitliste, die Starköche hervorbrachte, tradierte Karrieren hintanstellte oder vernichtete und die Welt plötzlich und irrtümlich glauben ließ, Kopenhagen sei das kulinarische Mekka der Welt. Das ganze Unterfangen der 50 oder 100 Besten Listen (inzwischen auch auf Bars und Hotels ausgedehnt), wird finanziert und flankiert von Sponsoren wie San Pellegrino, dessen Mutterkonzern Nestlé nicht unbedingt als moralisches Rückgrat der Nahrungsmittelindustrie gilt. Wer unter die ersten 50 kommt, entscheidet ein international verstreutes Panel, das sich – so ist es auch bei den 50 Best Vineyards – auch aus Leuten der Reise- und Lifestylebranche zusammensetzt und die Profis der Branche wenig bis kaum zum Werten einlädt. Das könnte neu und erfrischend sein. Ist es aber nicht.
Viel Freude an den World’s 50 Best Vineyards, und das mit gutem Grund, hat Stefan Doktor, Geschäftsführer des Rheingauer Traditionsweinguts Schloss Johannisberg. Sein Betrieb steht 2025 als zweibestes Weingut der Welt auf der Liste – das ist für ein deutsches Weingut enorm. Bringt das was? „Wir haben gemerkt, dass sich schon letztes Jahr, als wir an fünfter Stelle landeten, mehr tat als die fünf Jahre davor, wo wir weiter hinten im Ranking standen“, sagt Doktor. „Der zweite Platz, der ja erst seit ein paar Tagen bekannt ist, zeitigt jetzt schon viele Anrufe und Nachfragen. Wir sind durch die World’s 50 Best Vineyards bei Menschen in aller Welt erst so richtig sichtbar geworden.“ Den zweiten Preis hat Doktor persönlich bei der Preisverleihung in Australien abgeholt. Jetzt kann für dieses spektakulär auf einem Hügel residierende, alte Weingut 2026 auch der erste Platz drin sein.
Dass das Panel der 50 Best Vineyards wenig Angst vor großen Kulissen und spektakulärer Szenerie hat, also das Vordergründige in den Mittelpunkt stellt, zeigt alleine der diesjährige erste Platz: VIK in Chile: ein Weingut, das aussieht, als hätte ein skandinavisches Architekturbüro die Vorstellung von „Wein als Kunstinstallation“ zu einer Ansichts-Attraktion gegossen: Beton, Stahl, Spiegel, Panoramen, Pools – ein önophiles, über 300 Hektar großes Gesamtkunstwerk, das ein Boutique-Fotopoint-Hotel der Superreichen sein will, zu buchen etwa über booking.com, ermäßigter Preis für eine Übernachtung im Dezember: 768 Euro. Und genau dort liegt die Ironie dieses Rankings: Die Architektur gewinnt, das Geld gewinnt. Und nicht die Weine, über die wir auf Händlerseiten im Netz lesen können, dass sie zum Beispiel modische Etiketten tragen (die teils echt grauenhaft manieriert sind) und „ den Geist des chilenischen Millahue-Tals mit lebendigen Aromen von roten Beeren und blumigen Noten verkörpern“. Das ist das übliche Geschwätz investmentgetriebener Weingüter, die eine andere Klientel erreichen wollen, als jene der Weinenthusiasten, die in dieser Welt als überheblich, elitär und abgehoben gelten.
Unter den Top-Gütern tummeln sich auch viele andere der spektakulärsten Designbauten der Weinwelt – etwa das japanische Weingut 98Wines (dessen Zen-minimalistische Schuppen Architektur auf den ersten Blick nicht gerade zum Besuch einlädt), dann der Altbau Château Smith Haut Lafitte mit seinem vinophilen Öko-Luxus-Spitzenhotel (eines der wenigen Güter auf der Liste, das auch für seine vorzüglichen und leistbaren Wene bekannt ist) oder das südafrikanische Delaire Graff Estate, deren Kombination aus Kunstmuseum, Diamantengalerie, Skin-Care-Wellness und High-End-Lodge die Grenzen zwischen Weinbau und Kapitalanlage endgültig verschwimmen lässt. Deliare-Graff finden wir auf Platz 79 der erweiterten Liste der Plätze 50-100, die wir erst suchen und finden müssen. Dass diese erweitere Liste so wenig Beachtung erfährt ist schade, denn ausgerechnet hier finden wir ein paar echt spannende Weingüter, etwa Occhipinti in Sizilien, der Taylors-Fasskeller in Porto, Champagne Phillipponat, Château Pichon Baron im Bordeaux oder Castello Banfi in der Toskana. Mit in „Ferner liefen Liste“ auch zwei der besten österreichischen Weingüter: Tement in der Südsteiermark und die Domäne Wachau. Solle es im Panel auch professionelle Weinkritiker gegeben haben – hier, im Fortsatz, wurden deren Wertungen offenbar geparkt.
Ein Mitglied dieses Panels, das vertraglich zum Schweigen verpflichtet wurde, sagt: „Das Panel, also jene, die ihre Favoriten nennen und begründen ist mit 720 Personen, darunter 45 Prozent Sommerliers und Weinhändler, ziemlich groß. In meiner Region bin ich nur einer von vielen Beitragenden. Dem Paneel ist also nichts vorzuwerfen. Was aber richtig falsch läuft, ist das Framing der Ergebnisse als 50 beste Weingüter der Welt, obwohl es in den Texten keinerlei Beschreibung oder Wertung der Weine gibt – und auch keiner diese verlangt hat. Das ist schon grob irreführend.“
Für viele in der globalen Weinwelt ist dieses Ranking ein gut gemeinter Versuch, eine zunehmend zersplitterte Branche wieder einzurahmen. Und tatsächlich hat die Liste auch ihre Verdienste: Sie öffnet den Blick auch auf Regionen, die nicht Bordeaux, Burgund oder Rheingau heißen. Sie zeigt Weingüter, die man aus deutscher Perspektive nie entdecken würde. Sie wertet das Thema Besuchbarkeit auf – ein zentraler Faktor, da berühmte Weingüter heute längst Kulturorte geworden sind – auch wenn die Weinverkäufe weltweit sinken.
Doch gleichzeitig ist diese Liste absolut blind für jene Winzer, die in den letzten 20 Jahren den Wein tatsächlich verändert haben: die biodynamische Avantgarde, die kargen, kompromisslosen Naturweinkelternden, die Architekten des neuen, schlanken, modernen Handwerks, die vielen Winzerinnen, die mit neuen Stilistiken auch Fundamente des Weinbaus verschoben haben. All diese leisen Revolutionäre, diese sensorischen Anarchisten, die das Weinmachen von unten her neu definiert haben – sie kommen im Ranking nicht vor. Weil sie keine spektakulären Besucherzentren bauen können. Oder wollen.
Und warum fehlt Fred Loimers ikonischer Keller in Langenlois? Warum die spektakuläre Kellerei der Familie Neumeister in der Südsteiermark, die in Architekturmagazinen mit ihren hängenden Gärten seit Jahren zitiert wird? Warum fehlen Markus Molitor an der Mosel und Van Volxem an der Saar – wo man Wein schon länger als Teil einer größeren Erlebniswelt betrachtet?
50 Best Vineayrds bietet Orientierung, Unterhaltung und eventuell auch Anreiz, etwas Neues zu entdecken. Aber 50 Best Vineyards darf nicht jene Ernsthaftigkeit verlangen, die man etwa Robert Parkers Wine-Advocate entgegenbringt. Die „World’s 50 Best Vineyards“ sind vor allem eines: ein Spiegel unserer Zeit. Eine Zeit, in der Sichtbarkeit wichtiger ist als Substanz. Und in der Architektur den Platz einnimmt, den früher Herkunft und Terroir hatten. Was bleibt ist Instagram-Ästhetik. Eine Bühne, kein Boden. Und ein nicht gedrucktes Coffee-Table-Book.
Die Weinwelt bräuchte aber Boden. Unter den Füßen. Mehr noch als Terroir. Und jemanden, der sagt, wo dieser Boden wirklich liegt.

