(© Dourthe Freres)
von Manfred Klimek
Ich lernte Château Maucaillou kennen, als ich 60 Flaschen der Jahrgänge 1982 und 1985 ersteigerte – bei der Auktion des pleitegegangenen Warenterminhändlers Kernstock in Wien. Alle interessierten sich nur für Lafite, Latour, Margaux, Mouton, Petrus, die Kernstock auch Kistenweise im Keller liegen hatte. Niemand rief nach den 60 Flaschen Maucaillou. Ich hob die Hand, fast im Scherz, und bekam einen Zuschlag, der ein Schnäppchen war wie aus dem Bilderbuch. Erst daheim, beim ersten Probieren, verstand ich, was ich eigentlich gekauft hatte: einen der wohlschmeckendsten Deals meines Lebens.
Maucaillou – der Name bedeutet „schlechte Steine“. Und genau das ist sein Terroir: kiesige, abweisende Böden, die kaum etwas hergeben außer Trauben mit Charakter. Hier im Médoc, in Moulis-en-Médoc, wurde das Weingut 1875 gegründet. Ein Neubau im Vergleich zu den ehrwürdigen Grand-Crus, die zwanzig Jahre zuvor in die berühmte Klassifikation von 1855 aufgenommen wurden. Maucaillou kam zu spät. Deshalb stand es nie auf dieser Liste, die bis heute über Preise und Ruhm entscheidet. Und deshalb schrie niemand nach Maucaillou, als Bordeaux in den 1990er- und 2000er-Jahren in den Preiswahnsinn kippte. Maucaillou aber blieb immer “nur” ein Cru Bourgeois Superieur. Und out of focus.
Dabei liefert das Gut seit mehr als fünf Jahrzehnten genau das, was man sich von einem verlässlichen Bordeaux wünscht: Struktur, Substanz, ein Hauch Klassizismus, aber ohne die Pose. Weine, die sich gut trinken lassen, die man gerne nachschenkt, die nicht bei der dritten Flasche ermüden. Kurzum: der perfekte Saufwein aus dem Bordelais.
Die Familie Dourthe führt das Château seit Generationen. Heute sind es Philippe und Pascal Dourthe, die die Regie haben – und sie tun das mit einem Keltern, das fast altmodisch wirkt. Keine grellen PR-Offensiven, keine Dauerpräsenz in den sozialen Medien, kein Marketinggetöse. Maucaillou kommuniziert wenig, manchmal fast zu wenig. Selbst die Frage, wie genau sie ihren Weinbau definieren – nachhaltig, konventionell, biodynamisch? – bleibt im Halbschatten. Das passt zum Charakter: lieber die Flasche für sich sprechen lassen, statt jede Maßnahme zu etikettieren. Aber es macht eben auch nicht “hip”.
Die Reben – überwiegend Cabernet Sauvignon, Merlot, dazu etwas Petit Verdot – stehen auf rund 80 Hektar. Vinifiziert wird klassisch: temperaturkontrollierte Gärung, malolaktisch, Ausbau bis zu 18 Monate im Barrique, davon ca 20% neues Holz. Keine Experimente, keine Kapriolen. So entstehen Weine, die sich auf ihre Stärke verlassen können: Eleganz, feine Tannine, ein Bordeaux, der verlässlich ist.
Und das ist vielleicht die größte Pointe: Während ringsum die Jagd nach Punkten, nach Hypes und nach steigenden Preisen tobt, ist Maucaillou geblieben, was es immer war – ein guter Bordeaux zu einem vernünftigen Preis. Wer im Bordelais nach einem „gewöhnlichen“ Wein sucht, stößt hier auf etwas Seltenes: Normalität, die nicht banal ist.
Ich erinnere mich noch an die ersten Flaschen, die ich aus dem Keller zog: 1982, 1985 – großartige Jahrgänge. Sie hatten nicht den Glanz eines Premier Cru, nicht das internationale Prestige, das Sammler elektrisiert. Aber sie hatten etwas, das man nicht hoch genug schätzen kann: Trinkfreude, Tiefe, ein Maß an Balance, das genau das Richtige war. Ein Wein, der nicht über sich selbst reden muss, weil er im Glas überzeugt.
Vielleicht ist es das, was Maucaillou ausmacht: Dieser Wein ist der Gegenentwurf zum Spektakel. Er zeigt, dass Bordeaux nicht nur aus Raritäten und Investitionsobjekten besteht, sondern auch aus Weinen, die im Alltag Größe zeigen können. In einer Zeit, in der viele Bordeaux-Häuser – inmitten der größten Rotweinkrise seit 60 Jahren – versuchen, sich selbst immer weiter zu überhöhen, bleibt Maucaillou am Boden. Und gerade deshalb hebt er sich ab.
Wer Maucaillou trinkt, versteht, dass „gewöhnlich“ im besten Sinn auch „verlässlich“ heißt. Und dass es manchmal klüger ist, eine Kiste davon zu kaufen als eine Flasche Lafite. Nicht, weil Maucaillou größer wäre, sondern weil er, ohne es zu ahnen, am Puls der Gegenwart lauscht.

