(Manfred Klimek – nach einem Bericht des Standard aus Wien)
Es ist ein Vorgang, wie man ihn im Weinland Österreich wahrscheinlich seit 1985 nicht mehr gesehen hat. Damals erschütterte der Glykolskandal den gesamten Sektor; der Staat griff mit Verbänden ein, räumte, kontrollierte, regulierte maximal innovativ – erfolgreich, wie wir alle wissen. Vierzig Jahre später passiert erneut etwas Bemerkenswertes: Ein Bundesland bewegt sich – wenn auch unbeholfen – in Richtung Marktintervention. Diesmal nicht zur Rettung eines Systems, sondern zur Rettung einer Marke. Und ausgerechnet beim Sekt.
Der Standard berichtet nüchtern, fast ungläubig: Das Land Burgenland hat 195.000 Flaschen A-Nobis-Sekt übernommen und gekauft, nachdem die ehemalige Landesrätin Daniela Winkler die Kellerei über eine millionenschwere Partnerschaft in eine Schieflage manövriert hatte. „17.000 Flaschen wurden bisher verkauft,“ heißt es im Artikel. Also weniger als zehn Prozent. Der Rest liegt – und das ist das Wort, das sich niemand zu laut auszusprechen traut – herum. In Lagerhallen, im Landeseigentum, in einer Art politischen Nachlassverwaltung, die weder ein Konzept noch ein Ziel hat.
Man muss es so formulieren: Das Burgenland ist nun unfreiwillig Sekt-Großhändler. Und ein ziemlich schlechter.
Denn was im Artikel leise mitläuft, ist ein Problem, das jeder Schaumweinmensch kennt: Zeit ist nicht immer ein Freund. Champagner kann morbid werden, oxidativ verschatten, aromatisch in jene herrlichen schummrigen Ecken kippen, die die Briten so lieben. Aber das sind Ausnahmen – große Winzer, große Grundweine, große Reserven.
Bei Sekt hingegen ist Morbidität fast immer Feind. Ein Flaschengrab von 178.000 Flaschen, das keiner haben will, altert nicht elegant. Es verliert. Perlage, Spannung, Frucht. Es wird stumpf. Und selbst jene, die aus politischer Solidarität zugreifen könnten, tun es offenbar nicht.
Das Land Burgenland wollte retten, was schiefgelaufen war. Herausgekommen ist ein lebendiges Beispiel dafür, warum Staat und Weinbau eine problematische Beziehung haben: Es fehlt das Know-how, es fehlt das Fingerspitzengefühl, es fehlt der Marktverstand. Ein Sekt, der sich nicht verkauft, verkauft sich auch unter öffentlicher Aufsicht nicht. Und Weinwirtschaft folgt – anders als Infrastruktur – keinem politischen Programm.
Der Vorgang ist aber noch aus einem anderen Grund bemerkenswert: Er offenbart die Verwundbarkeit der österreichischen Schaumweinszene, die sich in den letzten zehn Jahren neu erfunden hat, in Qualität und Selbstbewusstsein gewachsen ist – und nun sieht, wie schnell politische Symbolpolitik eine ganze Kategorie beschädigen kann. Denn für die Produzenten, die mühsam an Image und Profil gearbeitet haben, ist dieser staatlich geerbte Sektberg kein Marketinggag, sondern eine Belastung.
Was bleibt? Ein Land, das Sekt hortet. Eine Geschichte, die – wie der Standard treffend schreibt – „ein politisches und wirtschaftliches Missverständnis“ offenlegt. Und eine Branche, die sich fragt, ob dieser Eingriff der Beginn einer neuen Weinpolitik ist oder nur ein Ausrutscher, der bald wieder verschwunden sein wird.
Fest steht nur: Die Flaschen altern weiter. Und je länger sie liegen, desto schwerer wird es, diese Episode elegant zu entschuldigen. Wein kann vieles verzeihen – der Markt selten.

