von Manfred Klimek
Es beginnt mit einer Zahl. 98. Sie steht da, schwarz auf weiß, unter einem Wein, wie es ihn so in Österreich noch nicht gab. 98 Parker-Punkte für den Blaufränkisch „Ried Spitzerberg – Obere Spitzer“. Der höchste Wert, der je einem österreichischen Rotwein zuerkannt wurde. Man kann das als Auszeichnung lesen. Oder als Zäsur.
Dorothea Muhr hat nie für Punkte und Auszeichnungen gekeltert. Sie hat für eine Idee gearbeitet: die Idee von Blaufränkisch als leiser, tief mineralischer, hoch eleganter Antwort auf eine Rotweinwelt, die sich zu oft in Frucht und Fett verliert. Jetzt steht sie da, mit einer Bewertung, die internationale Aufmerksamkeit erzwingt, und einem Wein, der sich jedem Spektakel entzieht.
Das Werden
Die Geschichte beginnt mit einer Rückkehr. In den 1990er Jahren kehrt Muhr zurück nach Prellenkirchen, an den Spitzerberg, dort, wo sie in einer soliden Kleinbauernfamilie aufwuchs. Was folgt, ist kein Karriereplan, sondern eine Konfrontation mit der Landschaft. Der Spitzerberg ist kein einladender Ort. Der Boden: karg. Die Winde: rau. Die Erträge: niedrig. Und doch beginnt sie, Parzelle für Parzelle zu erwerben. Reben zu pflanzen, Wurzeln zu schlagen. Nicht, weil es einfach ist – sondern weil der Berg es wert ist.
Sie vergärt spontan, stampft mit Füßen, füllt spät ab. Reduktion statt Konstruktion. Die Weine sollen nicht gemacht rüberkommen. Sie sollen Geschehen sein. Blaufränkisch, sagt sie, braucht keine Maske. Er braucht Zeit, und das richtige Gelände.
Der Berg
Der Spitzerberg ist das Gegenteil von Komfort. Er zwingt zur Klarheit. Der Wind trocknet. Der Boden speichert kaum. Die Wurzeln suchen Nahrung. Und finden sie tief in der Erde. In diesem Spannungsfeld entsteht eine Stilistik, die sich weigert, zu gefallen. Salzig, kühl, herb. Kein Rotwein für das Kaminzimmer. Sondern für Gaumen und Kopf. Für jene, die Tiefe nicht mit Dichte verwechseln.
Dorothea Muhr hat den Blaufränkisch nicht neu erfunden. Sie hat ihn entkleidet. Bis nur mehr das Wesentliche blieb.
Die Punkte
Und dann kommt der Moment. 98 Punkte. Robert Parker’s Wine Advocate. Ein Monument in der Weinwelt. Auf einmal ist der Obere Spitzer keine Geheimadresse mehr, sondern Referenz. Für manche ein Ritterschlag. Für andere ein Reiz.
Denn sofort tauchen sie auf, die Stimmen. Unkenrufe, die raunen: Das ist doch eine Blase. Da schreiben sich ein paar Medien- und Weinmenschen ihre Welt zurecht. Da wird verkostet, bewertet, gepunktet, als wäre das alles ein Club. Man kennt sich. Man schmeckt sich. Man hebt sich gegenseitig hoch.
Was für ein Unsin!
Wer Muhrs Weine trinkt, blind oder bewusst, erkennt sofort, dass hier kein Narrativ bewertet wird, sondern Charakter. Es geht nicht um eine Szene, es geht um ein Profil. Und es geht um einen Blaufränkisch, der gegen jede Schwerkraft nach oben strebt. Weil er es kann.
Die Linie
Der Obere Spitzer ist nicht allein. Auch die anderen Lagen – Roterd, Liebkind (Einzelparzelle) Samt & Seide – zeigen Profil, nackte Erde, Substanz. Es ist kein Zufall, dass die Bewertungen quer durch das Sortiment hoch sind. Sondern das Ergebnis von Konsequenz.
Was Muhr gemacht hat, ist nicht nur Weinbau. Es ist Topografie. Sie hat dem Spitzerberg seine Stimme zurückgegeben – und uns die Fähigkeit, ihr zuzuhören.
Das Weiter
Muhr hat einen neuen Keller – mit neuem Betriebsgebäude. Reduziert, funktional, nahe des Bergs gebaut. Sie hat Biostatus. Sie hat internationale Bestätigung. Und sie hat eine Agenda: Der Blaufränkisch ist kein Kompromisswein. Kein Spätburgunder-Ersatz. Keine Zweitwahl. Sondern eine eigene Kategorie. Eine österreichische Antwort auf die Frage, wie Rotwein schmecken kann, wenn man alles weglässt, was ihn schwer macht.
Das Erstaunen
Was bleibt, ist Erstaunen. Dass eine Region, die jahrzehntelang niemand auf dem Zettel hatte, plötzlich mit den Takt vorgibt. Und dass eine Winzerin eine neue Linie zieht – gegen Lärm und für Präzision. Und das in den schwersten Zeiten, die Rotwein wohl je hatte. Nun aber ist er zurück. Zumindest kurz, zumindest in den Schlagzeilen. Zumindest immerhin.

