von Manfred Klimek
Man hatte sich schon daran gewöhnt, dass die Weinwelt stöhnt. Zu wenig Gäste, zu viele Rechnungen, zu wenig Hoffnung. Die Erzählung war saturiert von Frust – und in ihr lag jene Müdigkeit, die sich mit den Jahren festsetzt wie Hefe, die niemand aufrührt.
Und dann, an einem Samstag in Großlangheim, während des Austern-Events im Patrizierhof der Familie Grebner, stand plötzlich alles Kopf.
Es war teils beglückend laut, es wurde gelacht, gesungen, aus Gläsern getrunken, die nie leer waren. Irgendwo Beats. Es roch nach Salz, Schale und Schaumwein. Der Wein floss wie einst, als man noch dachte, dass der Rausch ein Recht sei – und kein Luxus. Als würde der Patrizierhof über einem Weinvulkan liegen, und jetzt, genau jetzt, hätte sich ein Spalt geöffnet, aus dem etwas aufstieg, das verloren geglaubt war.
Ein Wirt, halb euphorisiert, halb erstaunt, erzählte, dass seine Gäste seit etwa drei Monaten wieder trinken. Nicht nur probieren, nicht nur nippen, nicht nur fragen, sondern trinken. Flaschenweise. Mit Hunger, mit Lust, mit Ernst. Er könne es sich nicht erklären. Aber er wolle auch nicht lange fragen. Denn es passiere. Jetzt.
Und dann fiel der Name: Garbo.
Eine neue Weinbar in München, geführt von Stefan Grabler und Markus Hirschler. Keine zwei Monate alt. Und schon sagen sie: es sei wie damals, in der Cordobar. In dieser fiebrigen, vibrierenden, legendären Cordobar, wo Willi Schlögl und Stefan Grabler einst die Nacht mit Riesling anzündeten. Und tatsächlich: auch hier brennt es. In der Garbo. Die Gäste stehen, drängen, trinken. Der Stammtisch, an dem man keinen Platz reservieren kann, ist wie ein Gate in eine andere Zeit. Die Umsätze erinnern an Vor-Corona-Nächte, an Berlin um vier Uhr früh, an das Gefühl, dass alles noch geht – wenn nur genug Wein da ist.
Es ist nicht die einzige Insel. Freundschaft, die Bar von Willi Schlögl, hat sich längst als neues Epizentrum etabliert. Kein Tresen wie jeder andere, sondern ein Ort mit Haltung und Humor. Die Weinkarte ist wild, kennt keine Genregrenzen. Chardonnay neben Sake, gereifter Gamay neben Lambrusco. Wer dort trinkt, wird Teil eines Spiels, das keine Regeln kennt, außer: Offenheit.
Die Garbo, so hörte ich, sei noch nervöser, noch näher an der Straße, näher an der Lust. Aber eben München, also stylisher und den Tick selbstverliebter: eingeschenk und eingegriffen. In die Atmosphäre, in den Geschmack, in das Selbstverständnis einer Szene, die zu lange nur auf Events wartete. Jetzt macht sie wieder selbst welche.
Und was bedeutet das?
Dass die Weinwelt nicht ausschließlich schrumpft, sondern auf Inseln überlebt. Und dort, in diesen hellen, fiebrigen Zonen, neue Kraft sammelt. Überall entstehen Zonen des Widerstands. Gegen den Stillstand. Gegen die Lähmung. Gegen die Idee, dass Wein etwas sei, das man zu Tode analysieren muss.
Diese neue Szene ist nicht groß. Sie wird nicht alle Winzer ernähren. Sie wird den Handel nur geringst beleben. Sie ist nicht „die Lösung“. Aber sie ist das Leben. Und jener Ort, von dem man zu neuen Ufern aufricht. – das ist genug. Denn von diesen Orten aus geht etwas aus. Nicht nur Umsatz, nicht nur Aufmerksamkeit – sondern Haltung. Ein Gefühl dafür, was Wein sein kann, wenn man ihn nicht als Produkt, sondern als Versprechen betrachtet. Als Bewegung, nicht als Marke. Als Eskalation, nicht als Kalkül.
Der Tanz auf dem Weinvulkan ist nicht naiv. Er weiß, dass die Branche wankt. Aber er tanzt trotzdem. Gerade deshalb. Und wenn die Glut reicht, werden andere folgen. Nicht weil es Trend, sondern weil es Trotz ist.
Ein Glas in der Hand. Musik in den Adern. Und das Gefühl: Jetzt zählt es wieder.

