(Claude Auguste / Manfred Klimek)
Emmanuel Reynaud ist tot. 61 Jahre. Also kein Alter. Er war der Winzer, der die Rhône nicht modernisierte, wie viele andere es taten, sondern ihr das Gedächtnis zurückgab – und der dafür verehrt wurde wie ein Einsiedlerprophet. Mit seinem Tod verschwindet nicht nur ein Winzer, sondern ein Stil, ein Weltgefühl, ein Kapitel des Weinbaus, das ohnehin schon auf Abruf stand. Die Weine, allesamt teure Raritäten, stiegen im Sekundärmarktpreis nach seinem Tod um rund zehn Prozent. Man ahnt: das kommt nicht wieder.
Rayas und Reynaud – das war Grenache, aber so, wie ihn sonst niemand verstand. Keine Muskelspiele, kein Alkoholpanzer, kein Barrique-Gehämmer. Reynaud zeigte, dass Grenache nicht breit sein muss, sondern durchscheinend, hell, duftig, fast schwebend – aber Kraft und Langstrecke. Lange Langstrecke. Dass Eleganz nicht vom Fass kommt, sondern vom Mut zur Reife und vom Willen, alles Überflüssige fortzulassen.
Es ist heute vergessen, was für ein Skandal das einmal war. Ein Chateauneuf, der die alte, tradierte Cuveetierung, den vielseitigen Rebsortenanker der Gemeinde, verließ und anstatt reinsortig Grenache in die Flaschen füllte – als Chateneuf du Pape. Châteauneuf war jahrzehntelang die Bastion der schweren Körper, der großen Prozente, der stolzen, dunklen, feisten Weine, die man in den letzten Jahren auch mit 15 Prozent Alkohol in die Karaffe wuchtete wie einen Kaminholzscheit. Und dann kam dieser stille Mann aus Sarrians, der fast niemanden empfing, aber jeden, der kommen durfte, zum Schweigen brachte: mit Chateneuf nur aus Grenache, der nach Walderdbeeren duftete statt nach Marmelade, nach trockenem Wald, nach Sand, nach Kräutern auf kargem, sehr kargem Boden. Grenache als Gedicht, nicht als Maschinengewehr.
Reynaud war einer der letzten, der sich traute, Châteauneuf nicht als Marke zu lesen, sondern als Intimität. Ein Mann, der nie in die Versuchung geriet, seinen Stil zu aktualisieren, weil er wusste, dass er nur diese eine, perfekte Formel besaß – seinen Instink fürs Keltern. Er arbeitete mit alten Foudres, die zu Beginn mehr Geschichte hatten als er. Er las spät, sehr spät. Er kämpfte, manchmal trotzig, gegen die Moderne, weil er wusste, dass Moderne gern gegen Wahrheit und Wirklichkeit eingetauscht wird – wenn Moderne zur Mode wird.
In den letzten zwanzig Jahren wurde er immer mehr zum Anker einer Region, die sich selbst neu erfinden musste – was nicht immer gelang. Die internationalen Moden kippten, Alkoholbomben waren plötzlich nicht mehr geil, sondern peinlich. Emmanuel Reynaud war der Beweis, dass dieser Wandel nicht kapituliert, sondern befreit. Aber nun, da er fort ist, geht auch ein Stück dieser Rückbesinnung verloren.
Denn mit ihm stirbt einer der letzten, die Châteauneuf-du-Pape noch als geistig-spirituellen Ort begriffen: als Landschaft aus Sand, Stein, Licht und Frühsommerluft. Als Wesen.
Seine Biografie fügt sich in diese Haltung: Der Junge, der auf Château des Tours Reben zog wie andere französischen Landkinder ihre Kaninchen, der später die Erblasten eines in sich kaputten Château Rayas übernahm, der Parzellen neu pflanzte, die eigentlich niemand mehr retten wollte, und der am Ende derjenige war, der dem Weingut wieder die Würde gab.
Reynaud war Revolutionär durch Sanftheit. Doch Sanftheit hat heute schlechte Karten.
Mit seinem Tod stirbt nicht Rayas, das Weingut. Aber eine Epoche, in der Grenache poetisch sein durfte.

