(Manfred Klimek / Pic Animation: Runwayml)
Jutta Ambrositsch war schon bevor sie Marco Kalchbrenner kennenlernte eine grandiose junge Kärntner Grafikerin in Wien. Eine, die Typografie nicht nur lesen, sondern denken konnte. Marco wiederum kam aus dem Text, aus der Sprache, aus der präzisen Setzung von Bedeutung – und da war er, der Südburgenländer, ebenso einer der besten. Kennengelernt haben sich die beiden in der Werbewelt – wo sie ihre sehr schnell sehr beachtlichen Karrieren hätten auf easy fortsetzen können; bin hin zur eigenen Agentur. In den 90er-Jahren hätte das Cash, Preise und Parties bedeutet. Dem haben sie das Ernsthafte vorgezogen – den Weinbau.
Was beide dort seit bald zwanzig Jahren tun, ist alles andere als oberflächlich. In den Hängen der Wiener Weinberge, rund um Nussberg, Riesenberg und Bisamberg, keltern sie Weine, die nicht dekorativ sind, sondern teils dramatsich positioniert. Weine mit innerer Ordnung, mit Klarheit, mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein. Biozertifiziert, kompromisslos in der Arbeit, eigenständig im Ausdruck – und vor allem: vollständig autonom. Sie mussten niemanden fragen, wie man Wein „richtig“ macht. Sie haben es sich selbst beigebracht. Und genau deshalb wirkt nichts angelernt, nichts fremd, nichts aufgesetzt. Und deswegen sind die beiden und ihre Weine immer singulär.
Diese Autonomie endet nicht im Keller. Sie setzt sich in der Vermarktung fort, in der Reise nach außen, in der erstaunlich hohen Exportquote von rund 75 Prozent, vor allem in die USA und nach Kanada. Ambrositsch und Kalchbrenner sind Weltbürger im besten Sinn: neugierig, offen, präsent – ohne den Versuch, sich anzubiedern. Ihre Weine gehen hinaus, weil sie in urbanen Schichten als außergewöhnlich sofort verstanden werden. Und nicht, weil jemand sie erklären muss.
Seit knapp zwei Jahren kommt nun ein zweiter Ort hinzu. Einer, der keine großstädtische Nachbarschaft sein eigen nennt, sondern fast entrückt wirkt: der Csaterberg im Südburgenland, ein von Wald umschlossenes Weinbergsidyll, in viele kleine Parzellen gegliedert. Hier liegen die Weingärten von Juttas Familie, und hier zeigt sich eine andere Seite der beiden. Keine Abkehr von Wien – eher eine Erweiterung; die sublime Ergänzung. Ein Ort, an dem sich Herkunft, Erinnerung und Gegenwart überlagern.
Aus diesem Csaterberg stammen drei Weine, die mehr sind als ein Nebenprojekt. Sie sind eine zweite Stimme. Das Projekt firmiert unter dem Begriff “Waelder”.
Der Einstieg heißt „Aufwaerts“ 2024 – eine Cuvée aus Welschriesling, Müller-Thurgau und Weißburgunder. Ein Wein für alle Tage, ja. Aber nicht ohne Anspruch. Fruchtig, nussig, mit jener südburgenländischen Wärme, die nicht breit wird, sondern trägt. Der Boden spricht klar: Serpentinit, Opal, ein Hauch Schiefer – ein ungarischer Einschlag, der nicht folkloristisch wirkt, sondern strukturell. Ein Wein, der Leichtigkeit nicht als bodenlos kapiert.
Darauf folgt „Himmelwaerts“ 2024, Chardonnay, aktuell noch Fassprobe. Ein Wein, der sich Zeit nehmen wird – und sie auch einfordert. Noch ist er nicht ganz bei sich, noch ordnet er seine Teile. Aber schon jetzt ist spürbar, dass hier nicht auf schnelle Lesbarkeit gezielt wird, sondern auf Tiefe. Einer, den man liegen lassen sollte. Und will.
Und dann ist da „Hoellwaerts“ 2024. Blaufränkisch. Vierzig Jahre alte Reben. Ein einziges 600-Liter-Fass. Zehn Tage auf der Schale – bewusst kurz, damit die Farbe nicht dominiert, das Hellere vor dem Dunklen; und so so gar nicht Hoelle. Was hier entsteht, ist tatsächlich etwas Seltenes: ein Wein, der nahezu allen schmecken muss – und dennoch extrem hohe Ansprüche erfüllt.
In der Nase Mulberries, Graphit, ein Hauch Eiklar. Mehr Herzkirsche als Sauerkirsche. Gedimmtes Cassis, Blaubeere, ganz leicht Nuss. Aber all das ist beinahe Nebensache. Entscheidend ist der Mund: saftig, kernig, dicht, doch leicht, dabei immer völlig unanstrengend (das heißt nicht, dass anstrengende, mehr fordernde Weine nicht ihre absolute Berechtigung hätten – haben sie). Ein Blaufränkisch mit Zug, mit innerem Druck, mit dieser unwiderstehlichen Eigenschaft, dass man das Glas nicht wegstellen will und während des Trinkens nach der nächsten Flasche schielt. Positiv populistisch, wenn man so will. Ein perfekter Saufwein – und zugleich einer der substanzreichsten Blaufränkischen der letzten Jahre.
Zum Schluss ein Tipp, der mehr ist als eine Empfehlung: „Hoellwaerts“ gemeinsam mit „Hetfleisch“ trinken, jenem Projekt, das Ambrositsch und Kalchbrenner vom jüngeren Winzer Christoph Wachter-Wiesler keltern lassen. Zwei Weine, zwei Haltungnoten, ein gemeinsamer Nenner: Ernsthaftigkeit ohne Pathos, Freude ohne Vereinfachung. Wachter-Wieslers Arbeit werden wir uns in diesen Tagen ebenfalls ausführlich widmen.
Was bleibt, ist ein Eindruck, der über einzelne Flaschen hinausgeht. Jutta Ambrositsch und Marco Kalchbrenner machen Weine, die nicht erklären können und nicht erklären wollen, wie gut sie sind. Sie sind es. Und manchmal – immer öfter – entsteht dabei ein Wein, der etwas Größeres leistet: ein Wein die Welt zu umarmen.

