(Manfred Klimek / Björn Grebner)
Es ist keine Geschichte einer Geraden, sondern eine aus Bögen von Mut, Irrtümern und einem schließlich intimeren und besseren Finale. Geboren 1996 aus einer verständlichen Sehnsucht: drei Winzer, drei Visionen, ein einziger Traum: ein österreichischer Rotwein, der den Anspruch hatte, einen eigenen Tignanello zu schaffen. Nicht eine Kopie, sondern ein österreichisches Pendant zu dem toskanischen Kult-Blend von Antinori, international, kraftvoll, exportfähig. Doch mehr als ein Namens-Vorbild war es ein Wagnis: Blaufränkisch-Dominanz mit Merlot und Cabernet Sauvignon, ein Hybrid aus Kontinent und Kult.
Die Köpfe hinter der Idee waren so unterschiedlich wie leidenschaftlich: Tibor Szemes, der Südost-Pionier des burgenländischen Rotweins, dessen Fokus immer auf der autochthonen Blaufränkisch-Traube lag; F. X. Pichler, der große Weißwein-Virtuose aus der Wachau; und Manfred Tement, der Steirer, der den Sauvignon und Morillon in neue internationale Höhen führte. Gemeinsam wollten sie 300 000 Flaschen Arachon aus und mithilfe der Winzergenossenschaft Horitschon in die Welt schicken – eine Zahl, die in den späten 90ern in Österreich mehr wie eine Revolution klang als wie ein Weinprojekt.
1998 kam der erste Jahrgang in die Flaschen. Aber die Wahrheit des Weins schreibt selten geradlinig Geschichte. Tibor Szemes, ungekrönter Blaufränkisch-Botschafter, starb überraschend früh – ein Bruch, der das Projekt auf die Probe stellte. Die ehrgeizigen Pläne verpufften, das große, teure Gebäude fiel zurück zur Alleinnutzung an die Winzergenossenschaft – und die 300 000 Flaschen blieben eine Fata Morgana, ein „was hätte sein können“. Doch aus diesem Rückschlag wuchs etwas anderes – etav Wertvolleres.
Heute steht Oscar Szemes am Steuer. Nicht als Vollstrecker eines Plans, sondern als Schöpfer einer eigenen Arachon-Logik. In den letzten Jahrgängen 2018 bis 2021 hat Oscar die Cuvée entschlackt: Merlot und Cabernet Sauvignon wurden vom einstigen Korrektiv und Hoffnungsanker von etwas über 20 % auf rund 7 % reduziert. Das Ergebnis ist kein internationaler Blend mehr im klassischen Sinne, sondern ein wärmerer, erdigerer und „röterer“ Wein, der das Grün des Cabernet abschüttelt und den nackten Charakter des Blaufränkisch in den Mittelpunkt stellt – ohne Wildheit, aber mit Präzision.
Arachon 2018
Der erste Jahrgang der neuen Balance. In der Nase dunkle Kirsche, Schlehe, ein Hauch Graphit, dazu diese burgenländische Erdigkeit, die nicht schwer wirkt, sondern tragend. Am Gaumen ruhig, dicht, erstaunlich gelassen. Die Frucht ist reif, aber nicht süß, die Struktur präsent, ohne zu dominieren. Der Cabernet meldet sich kaum noch zu Wort – und genau das tut dem Wein gut. 2018 ist der Jahrgang, in dem Arachon beginnt, bei sich selbst anzukommen.
Arachon 2019
Ein Jahrgang mit Spannung. Kühler im Ausdruck, präziser geschnitten. Mehr Würze, mehr Dunkelheit, weniger Opulenz. Schwarzer Pfeffer, getrocknete Kräuter, dunkle Beeren, ein feiner mineralischer Zug. Am Gaumen straffer als 2018, mit einem langen, klaren Nachhall. Der Blaufränkisch zeigt hier seine Fähigkeit zur Disziplin, ohne spröde zu werden. Ein Arachon für Menschen, die Struktur lieben.
Arachon 2020
Der vielleicht harmonischste der vier. Wärme, Tiefe, aber keine Schwere. Reife Kirsche, Zwetschke, ein Hauch Kakao, etwas Waldboden. Alles wirkt rund, selbstverständlich, fast selbstverständlich zu selbstverständlich – bis man merkt, wie präzise das alles gebaut ist. Die Reduktion von Merlot und Cabernet zahlt sich hier voll aus: Der Wein ist erdig, rotfruchtig, ruhig, mit einem großen inneren Kern. Ein Jahrgang, der lange bleibt.
Arachon 2021
Der jüngste – und vielleicht der klarste. Frischer, straffer, mit einer fast jugendlichen Energie. Rote Beeren, Sauerkirsche, feine Kräuter, ein kühler Unterton. Am Gaumen linear, fokussiert, mit feinem Tannin und viel Zug nach hinten. Noch jung, noch nicht ganz gesetzt, aber mit spürbarem Reifepotenzial.
Das, was bleibt, das, was Zukunft verkündet, auch in schweren Zeiten für Rotweine, ist ein großer, langlebiger Blaufränkisch mit internationalem Anspruch, aber mit regionalem Herzen. Arachon kostet heute 33–35 Euro – und ist ein echter Bargain im Vergleich zu dem, was er im Glas erzählt: Tiefe, Würze, dichter Kern, klare Frucht, solide Struktur. Kein Ecken-und-Kanten-Spiel, sondern ein sicheres Statement: Blaufränkisch kann groß, ernst und anspruchsvoll sein, ohne sich zu verkünsteln.
Arachon ist kein Mythos der Vollendung geworden. Aber vielleicht genau deshalb ist es einer der spannendsten Rotweine aus Österreich des neuen Jahrtausends: ein Wein, der aus der Spannung von Vision und Realität entsteht, aus Verlust und Wiederaneignung, aus Fremd- und Selbstverstehen. Er zeigt, dass große Weine nicht unbedingt aus Perfektion geboren werden, sondern aus dem kühnen Versuch, über sich hinauszuwachsen und zugleich zu sich selbst zurückzufinden – in Blaufränkisch.

