(Manfred Klimek)
Ich bin seit drei Tagen im Burgenland unterwegs. Ich besuche Winzer, ich sitze in Verkoststuben, ich fahre durch Weingärten, ich trinke konzentriert, aufmerksam, meist euphorisch. Und fast ebenso konzentriert wird mir etwas anderes eingeschenkt – nicht von den Winzern, die ich besuche, wohlgemerkt: Gerüchte. Halbsätze. Andeutungen. Despektierlichkeiten über genau jene Betriebe, bei denen ich gerade bin oder noch sein werde. Nicht offen, nicht überprüfbar, selten konkret – aber mit dem unausgesprochenen Zusatz: „Das solltest du dir anschauen.“
Ich muss eines gleich klar sagen, weil sonst genau das entsteht, was hier verhindert werden sollte: Keiner der Winzer, die ich bislang besucht habe, hat auch nur ein einziges dieser Gerüchte gestreut. Im Gegenteil. Die Unterstellungen kommen von außen. Und dennoch entsteht in den Köpfen mancher offenbar die absurde Vorstellung, dass Journalisten hier als Übermittler kleiner Giftpfeile fungieren sollen – als Transporteure provinzieller Abrechnungen.
Was ich in diesen Tagen tatsächlich erlebt habe, ist etwas völlig anderes: ein Weinbau auf Weltformat. Präzision, Tiefe, Selbstverständlichkeit. Weine, die ohne jedes Beweisbedürfnis auskommen. Weine, die nicht erklären wollen, sondern da sind. Wer hier noch ernsthaft von „österreichischem Sonderweg“ oder „regionaler Relevanz“ spricht, hat den Anschluss längst verloren. Das Burgenland ist kein Versuchsraum mehr, keine Hoffnung, kein „auf dem Weg“. Es ist angekommen.
Gerade deshalb wirkt dieses Hinterzimmerrauschen so unerquicklich. Denn es ist nicht nur kleinlich – es ist dumm. In einer Phase, in der der Weinbau europaweit unter Druck steht, in der Absatzmärkte wegbrechen, Konsumgewohnheiten kippen und moralisch aufgeladene Abstinenzbewegungen durch urbane Feuilletons ziehen, ist das Übereinanderherfallen das wohl kontraproduktivste aller Verhaltensmuster.
Wer jetzt glaubt, man müsse die eigene Position dadurch stärken, dass man andere schwächt, hat nichts verstanden. Weder vom Markt noch vom Moment. Die Realität ist brutal einfach: Wenn Wein eine Zukunft haben soll, dann nicht durch Nabelschau, nicht durch Intrigen, nicht durch das ewige Hoffen auf Förderlogiken vergangener Jahrzehnte. Sondern durch Expansion. Durch neue Märkte. Durch das ernsthafte, gemeinsame Denken in Richtungen wie Indien oder Lateinamerika – dort, wo Neugier, Aufstieg und Genuss noch kein schlechtes Gewissen erzeugen.
Umso irritierender wäre es, wenn Institutionen, Verbände oder Marketingorganisationen auch nur in die Nähe dieser destruktiven Dynamiken geraten würden. Ihre Aufgabe kann nicht sein, Stimmungen zu verstärken oder Grabenkämpfe zu moderieren. Ihre Aufgabe wäre, das Gegenteil zu tun: Überblick schaffen, Selbstbewusstsein bündeln, Perspektiven öffnen.
Das Burgenland ist längst keine Provinz mehr. Aber das Provinzielle – das wächst erfahrungsgemäß genau dann, wenn wirtschaftliche Sorgen auf mangelnde Souveränität treffen. Dagegen hilft kein Schweigen und kein Wegsehen. Dagegen hilft nur eines: intellektuelle Disziplin. Und die Einsicht, dass Solidarität kein moralisches Schlagwort ist, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.
Alles andere ist Selbstbeschädigung. In einer Zeit, in der sich das niemand leisten kann.

