(Gerhard Retter / Redaktion / Foto: Manfred Klimek)
Südtirol ist klein. Zumindest auf der Landkarte. Knapp 5.800 Hektar Rebfläche zwischen Alpen, Dolomiten, Apfelgärten, Steilhängen und Terrassen. Ein Weinland, das sich in wenigen Zahlen beschreiben lässt – und dennoch jeder einfachen Beschreibung entzieht. Denn Südtirol ist kein Weinbaugebiet, das man über Hektar, Liter oder Rebsorten versteht. Südtirol lebt von Gegensätzen. Alpin und mediterran. Deutschsprachig und italienisch. Bauernland und Designregion. Genossenschaftsland und Kleinstwinzerlabor. Traditionsbewusst und gleichzeitig erstaunlich beweglich. Südtirol ist so “much much”.
Die eigentliche Juvelinität Südtirols hat wenig mit dem Alter seiner oft sehr jungen Winzer zu tun. Sie zeigt sich im Denken. Im Umgang mit Herkunft. Im Umgang mit Tradition. Im Umgang mit Veränderung. So entstehen hier Weine mit Frische, Präzision und Herkunft. Weine, die selten gefällig wirken und dennoch großen Trinkfluss besitzen. Weine, die ihre Umgebung widerspiegeln: kühl und klar in der Struktur, zugleich von jener Wärme geprägt, die das Leben südlich des Brennerpass eben auszeichnet.
Dabei lebt Südtirol keineswegs nur von romantischen Kleinbetrieben. Die Genossenschaften des Alto Adige gehören zu den leistungsfähigsten und qualitätsorientiertesten Europas. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass Südtirol heute international nicht nur als schöne Landschaft, sondern als verlässliche Weinherkunft wahrgenommen wird. Gerade darin liegt die Besonderheit der Region. Große, hochprofessionelle Kellereien existieren neben winzigen Familienbetrieben. Historische Klosterkellereien neben jungen Low-Intervention-Projekten. Genossenschaftslogik neben radikaler Parzellenarbeit. Die Reben wachsen zwischen 200 und 1.000 Metern Seehöhe. auf Kalk, Porphyr, Moräne, Dolomit, Schotter, Lehm, Quarz und Vulkangestein. Zwischen Tag und Nacht liegen oft Temperaturunterschiede, die anderswo ganze Jahreszeiten voneinander trennen.
Das Ergebnis sind Weine mit Spannung. Pinot Bianco mit bemerkenswerter Architektur. Sauvignon Blanc mit alpiner Frische statt exotischer Übertreibung. Chardonnay, der nicht Burgund kopieren muss. Kerner, der Höhenlage schmecken lässt. Pinot Noir mit mehr Nerv als Muskelspiel. Lagrein, der immer präziser wird. Und Vernatsch, jene kulturell vielleicht wichtigste Rebsorte Südtirols, die endlich wieder als das verstanden wird, was sie sein kann: Identität im Glas.
Auch Südtirol kämpft mit Klimawandel, Hagel, Spätfrost, steigenden Kosten und verändertem Konsumverhalten. Die Region startet allerdings aus einer ungewöhnlich starken Position. Herkunft, Handwerk und Premiumisierung sind hier keine nachträglichen Marketingideen, sondern seit Jahrzehnten Teil der Realität. Hohe Lagen sind keine romantische Kulisse, sondern ein strategischer Vorteil. Gleichzeitig wächst eine Generation von Winzerinnen und Winzern heran, die nicht mehr beweisen muss, dass Südtirol große Weine erzeugen kann. Sie interessiert sich stärker für Präzision als für Effekte. Für Herkunft statt Stilistik. Für Eigenständigkeit statt Wiedererkennbarkeit internationaler Vorbilder. Hier zwei Betriebe und zwei Weine, die ich vorstellen will
Haderburg – Südtirols große Schaumweintradition
Beginnen wir mit Haderburg in Salurn: Die Familie Ochsenreiter arbeitet am Hausmannhof in Buchholz oberhalb von Salurn, auf Höhenlagen zwischen 350 und 550 Metern. Haderburg gehört zu jenen Betrieben, die im internationalen Schaumweindiskurs weit häufiger genannt werden müssten. Die Voraussetzungen sind ideal: kühle Nächte, kalkhaltige und sandige Verwitterungsböden, traditionelle Flaschengärung und lange Hefelagerung. Vor allem aber Geduld. Haderburg produziert keine Schaumweine für schnelle Effekte, sondern für Entwicklung und Tiefe.
Der Pas Dosé 2019 steht exemplarisch für diesen Stil. Chardonnay und Pinot Noir treffen auf Präzision, Frische und Struktur. Die fehlende Dosage wirkt hier nicht asketisch, sondern selbstverständlich. Nichts wird kaschiert. Und nichts muss verborgen werden. Das Ergebnis ist kein Schaumwein für den Empfang vor dem Essen. Es ist ein Wein, der ein Essen begleiten kann. Austern, Crudo, Schalentiere, Geflügel, Pilze oder Trüffel finden hier einen Sekt (nach der Schampusmethode gekeltert) auf Augenhöhe.
Kloster Neustift / Abbazia di Novacella – Geschichte als so richtig Vorteil
Alt, aber jung im Denken: das Augustiner-Chorherrenstift wurde bereits 1142 gegründet. Die Stiftskellerei Neustift zählt zu den ältesten aktiven Weingütern der Welt. Geschichte wird hier nicht museal verwaltet, sondern produktiv genutzt. Sie liefert Erfahrung, Wissen und Kontinuität. Und viele alte Kellerbücher, die viel Geschichten vom Keltern erzählen. Das Eisacktal besitzt innerhalb Südtirols eine eigene Sprache. Die Höhenlagen sorgen für Frische und Säurespannung, die Weine wirken präzise, geradlinig und aromatisch klar. Kaum eine Rebsorte profitiert davon stärker als Kerner.
Der Kerner Praepositus 2024 zeigt, warum diese Sorte im Eisacktal ihre vielleicht überzeugendste Heimat gefunden hat. Kerner kann schnell zu viel werden: zu aromatisch, zu exotisch, zu gefällig. Hier passiert das Gegenteil. Die Frucht bleibt präsent, wird aber von Mineralität, Trockenheit und Struktur getragen. Die Weinberge liegen zwischen 650 und 750 Metern Seehöhe. Moränenböden, Glimmerschiefer, Paragneis und Quarzit prägen den Charakter. Die kühlen Nächte bewahren Frische und Spannung.
Der Praepositus wirkt deshalb nicht modisch, sondern zeitlos. Er passt zu Terrinen, asiatisch geprägten Gerichten, Geflügel, würziger Gemüseküche oder gereiftem Bergkäse. Bei solchen Weinen wird deutlich, dass Aromatik niemals das Problem ist. Das Problem beginnt dort, wo sie keine Struktur mehr besitzt.

