(Manfred Klimek)
Da gibt es auch Weingüter, die in der gegenwärtigen Krise keine Revolution brauchen, weil ihre Stabilität bereits Ausdruck von revolutionärer Intelligenz ist. Max Ferdinand Richter in Mülheim an der Mosel gehört zu diesen seltenen Ausnahmebetrieben. Ein Haus, das seit Jahrhunderten weiß, was es tut – und deshalb auch in Zeiten der globalen Weinkrise erstaunlich unerschütterlich dasteht. Nicht, weil sie dort dem Markt hinterherlaufen, sondern weil sie mit Umsicht, konservativer Liberalität und verlässlicher Stilistik Vertrauen aufgebaut haben. 200.000 Flaschen im Jahr, davon etwa 80 Prozent exportiert, und von jenen ca. 30% in die USA – und selbst dort, wo Trumps Strafzölle etliche Moselwinzer hart getroffen haben, ist der Rückgang gering. Klug verhandelte Partner, stabile Beziehungen, kein Alarmismus: Das funktioniert.
Der Rebsortenmix bleibt klassisch: 95 Prozent Riesling, dazu Weißburgunder, etwas Pinot Noir und der alte, hier neu gepflanzte Gemischte Satz. Ein Fundament, das nicht aus Nostalgie besteht, sondern aus Erfahrung.
Alter Satz 2024
Riesling, Heunisch, Orleans, Traminer, Adelfränkischer, Grünfränkischer und Kleinberger – ein Wein wie ein Zeitfenster. Direkt im Weinberg eingemaischt, ein Jahr im 1000-Liter-Fuder gereift. Der Traminer duftet durch, obwohl er nur fünf Prozent stellt. Florale Würze, feiner Grip, geschichtsbewusst und doch leichtfüßig. 2000 Flaschen – mehr Vergangenheit kann ein Gegenwartswein kaum tragen.
Riesling Gutsriesling 2024 (trocken)
9,90 Euro für echten Steillagen-Riesling ist eigentlich zu wenig. Steinobst, leiser Schiefer, 11,5 Prozent Alkohol. Ein ehrlicher, unprätentiöser Wein, der zeigt, wie Normalität schmecken kann, wenn sie handwerklich ernst genommen wird.
Riesling Gutsriesling feinherb 2024
20 Gramm Restzucker, 9 Säure – der feinherbe Moselstil, den die junge Generation lieben würde, wüssten die Verbände ihn endlich besser zu vermarkten. „Low Alk, big fruit“ steht hier praktisch ins Glas geschrieben. Ein unterschätztes Format, 9,90 Euro, 60.000 Flaschen – und jede davon vielleicht ein Markt, der nur gering erschlossen ist, weil ihn der trockene Zeitgeist hinwegfegte.
Riesling Graacher Domprobst, Alte Reben, trocken 2024
90 Jahre alte Reben. 3000 Flaschen: Pfirsich, Steinobst, saftig, kraftvoll bei 12 Prozent Alkohol, nur 2 Gramm Zucker – ein knochentrockener Klassiker, der vor allem in der Gastronomie einen fixen Platz hat. Ein Riesling ohne Härte.
Riesling Brauneberger Juffer-Sonnenuhr, Großes Gewächs 2024
Dunkle Beeren, reifes Steinobst, ein Hauch Schieferwürze, spontanvergoren, wie alle Weine hier, delikat, sättigend. 11,5 Prozent Alkohol, 32 Euro, ein Wein mit tiefer Ruhe und feinem Puls. Mosel-Eleganz im lecker-intellektuellen Stil.
Riesling Mülheimer Sonnenlay, Kabinett, feinherb 2024
9,5 Prozent Alkohol, 20 Gramm Zucker – die leichte Süße tänzelt. Eberesche, Himbeere, viel Himbeere, Kräuter, mineralische Kühle. Ein Wein, der zeigt, warum die moderate Süße an der Mosel keine Restrampe-Kategorie, sondern Kulturtechnik ist.
Riesling Kabinett Elisenberg(er) Monopol 2024
7,5 Prozent Alkohol, Napoleonische Schenkung, Pfirsich, Aprikose, Quarzitschiefer – und ja, „Limo für Erwachsene“ (ironisches Zitat des Winzers). Ein Wein mit Herkunft, Witz und historischer Aura. 15,90 Euro.
Riesling Sonnenuhr Kabinett 2024
Blauer Schiefer pur. Apfel, Mirabelle, Marille, Nashi-Birne. 7,5 Prozent Alkohol. Ein Mosel-Kabinett wie aus dem Lehrbuch: klar fruchti, aber ohne der Süß-Sentimentalität, die uns restsüße Weine über Jahre verdarb.
Riesling Sonnenuhr Spätlese 2024
70 Gramm Zucker, 7,5 Prozent Alkohol. Feigenschale, Weinbergspfirsich, Cassis, Kräuter, altes Holz. Die ganze Süßwein-Vielfalt der Mosel mit Präzision und unerhör viel Stil. 23 Euro.
Riesling Himmelreich Auslese 2024
7 Prozent Alkohol, 90 Gramm Restzucker, 20 Prozent Botrytis. Honig, Marille, Ringlotte, Schiefer. Ein Wein, der Sauternes in die Schranken weist – und zwar gehörig.
Max Ferdinand Richter, der “Ferl”, steht für eine Mosel-Ästhetik, die weder modisch sein will noch altmodisch sein kann. Stattdessen: maximale Souveränität. Genau deshalb übersteht dieses Weingut die gegenwärtige Krise nahezu unversehrt.
Und weil zur Wirklichkeit des Hauses auch Rotwein, Spätburgunder, gehört, folgt eine genauere Betrachtung der beiden ausgezeichneten Pinots – in einer der kommenden Ausgaben der WELT am SONNTAG.

