(Manfed Klimek / animated pic: runwayml)
Die Region Bodensee ist kein klassisches deutsches Weinbaugebiet, sondern ein geologisch-klimatisches Zukunftsversprechen, das jetzt von sich zu erzählen beginnt – Grund: der Klimawandel. Geformt von Gletschern, die sich zurückzogen und eine Landschaft aus Moränen und schweren, oft fetten Böden hinterließen, wirkt diese in Deutschland als Weinbaugebiet weithin leider unbekannte Region als Anbaugebiet des Aufbruchs – und Aufbruch ist das, was dem deutschen Wein gerade fehlt. Die Weine, die ich getrunken habe, sind kühl, fast kristallin in ihrer Aromatik, obwohl sie auf üppigen Böden wachsen. Rebsorten treten einen Schritt zurück, das Aroma wird gezügelt, die Lagen sollen Bände sprechen. Zwölf Weingüter formieren sich derzeit zu einer Art Gebietsunion – ein erster und gelungener Versuch, dem Bodensee eine klarere Identität zu geben.
Schon beim Sekt wird deutlich, wohin die Reise geht. Der Sprudeldicke Dirn vom Weingut Deufel (€ 17,50) zeigt eine beeindruckende Nase: Nuss, reife Stachelbeere, ein Hauch Ananas und eine leicht morbide Note, die an große Champagner erinnert. Am Gaumen kann er dieses Versprechen nicht ganz halten, bleibt aber dicht dran – getragen vom Hefelager der Johanniter-Traube. Der Lindauer Sekt vom Weingut Haug (Souvignier Gris, € 22,00) setzt einen anderen Akzent: barocker, mit mehr Apfel und Birne, etwas rauer, weniger präzise, aber mit eigenem Charakter.
Der Müller-Thurgau Drumlin 2024 vom Weingut Schmidt (€ 25,00) überrascht mit Kühle und mineralischer Strenge. Die Aromatik ist eigenwillig, fast traminerhaft, mit einer leicht süßlichen Note, die an Werthers Echte erinnert, im Mund dann mittlerer Druck und klare Kontur. Ähnlich kühl zeigt sich der Sauvignon Blanc 2024 (€ 16,90) vom Weingut Hendriks, der mit einer leicht irritierenden, urbanen Note spielt – wie der erste Schritt in einen Berliner Club, noch bevor sich die Sinne sortieren.
Bei den Cuvées aus pilzwiderstandsfähigen Sorten zeigt sich die Zukunft der Region. Das Weingut Lanz in Nonnenhorn verbindet Johanniter und Souvignier Gris (Bayrischer Bodensee weiß 2023, € 15,50) zu einem Wein, der mit Walnussschalen, Quitte und einem Hauch exotischer Frucht spielt. Fleischig, aber nicht schwer, eher eine kontrollierte Opulenz.
Der Chardonnay Nonnenhorner Seehalde 2023 vom Weingut Kurek (€ 35,00) ist ein erster echter Höhepunkt. Straff, mit elegantem Holzeinsatz, erinnert er an große internationale Vorbilder der 1990er-Jahre, ohne deren Schwere zu übernehmen. Ganz anders der Solaris Soho 2023 von Deufel (€ 28,00): eine expressive Nase, exotisch, fast überbordend, das Holz perfekt gesetzt, doch im Detail mit dem Gefühl, dass diese Rebsorte hier noch mehr zeigen kann.
Die klassischen Burgundersorten liefern schließlich die überzeugendsten Argumente für die Region. Der Weißburgunder Ortslage 2023 vom Weingut Schmidt (€ 19,00) brilliert mit einem präzisen Barriqueeinsatz und Karamellnoten, bleibt dabei aber kühl, steinig und klar. Auch die Chardonnays vom Seehaldenhof zeigen diese Balance: Die Seehalde 2021 (€ 44,90) mit spürbarem Gerbstoff aus der Fläche, der Sonnenbichl 2022 (€ 47,00) etwas runder, mit schöner Holznote und einem Anflug von Popcorn, ohne ins Breite zu kippen.
Bei den Spätburgundern wird die kühle, geschmacklich bekömmliche Handschrift des Bodensees erneut sichtbar. Hendriks’ Seehalde 2022 (noch nicht am Markt) überzeugt mit einer nahezu perfekten Nase, leicht buttrig-laktisch, dabei kühl, fruchtig und durch das Holz präzise geführt – ein schlanker, sehr deutscher Pinot mit subtiler Campari-Bitterkeit. Der Jahrgang 2021 (€ 23,00) geht noch einen Schritt weiter: Sauerkirsche, Pilz, Waldboden, feuchte Tiefe. Haug bringt mit dem Ringoldsberg 2022 (€ 30,00) einen knorrigeren, fast archaischen Spätburgunder ins Spiel, geprägt von Maische, Trebern und feinem Holz, während Gierer in der Seehalde 2022 (€ 30,00) eine verführerische Karamellnase zeigt, die im Mund jedoch nicht ganz die gleiche Dichte erreicht.

