(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Sie ist die eierlegende Wollmilchsau der Weinkonsumenten – und zwar jener, die auf ihr tägliches gutes Glas Wein nicht verzichten wollen: die Literflasche anständigen Weins, die um verglichen sehr wenig Geld sehr anständige deutsche Weine in sich trägt. Gekeltert von durchaus namhaften Winzern, erfolgreichen Winzern, die sich von diesem Format aber auch ohne große finanzielle Einbußen trennen könnten. Aber das wollen sie nicht. Noch nicht.
Ein Flaschenformat zudem, das im internationalen Vergleich fast aus der Zeit gefallen wirkt und doch etwas bewahrt, das anderswo längst verschwunden ist: die Idee, dass guter Wein nicht zwangsläufig teuer sein muss. Während sich der globale Weinmarkt zunehmend in Prestigelagen, Einzelflaschen und narrative Überhöhung aufspaltet, existiert in Deutschland eine Parallelwelt, in der Spitzenweingüter ganz selbstverständlich Weine im Liter abfüllen. Keine Zweitverwertung, sondern sauber gemachte, oft erstaunlich präzise Weine, die aus der gleichen Kelterkultur stammen wie die ebenso preisgünstigen, aber dann doch teureren Gutsweine – fast immer abgefüllt in den etablierten 0,75-Liter-Gebinden.
Und doch, trotz aller für alle ersichtlichen Vorteile für die Konsumenten, geraten diese Flaschen zunehmend in Vergessenheit. Denn der Handel liebt das Erzählbare, das Steigerbare; liebt das, was sich in Preis und Herkunft immer weiter zuspitzen lässt. Die Literflasche hingegen entzieht sich dieser Logik. Sie ist zu einfach, zu klar in ihrer Idee als Schankwein, zu wenig spektakulär. Gleichzeitig verschwindet auch jene Klientel, für die sie einst gemacht war: Menschen, die sich ein gutes Glas Wein leisten wollen, ohne daraus ein Ereignis zu machen. Ein Glas zum Essen, im Alltag, am Abend zum Entspannen auf Balkon, Terrasse oder im Garten – denn Literweine sind vor allem Weißweine, Sommerweine.
Die Weingüter selbst stehen dabei in einem nicht nach Außen kommunizierten Konflikt. Denn jeder gute Literwein stellt die Frage, warum der Gutswein des gleichen Weinguts mehr kosten soll. Also bleibt die Literflasche oft unterpromotet – ein Produkt, das existiert, aber selten in den Vordergrund rückt.
Dabei ist sie, nüchtern betrachtet, eine deutsche Singularität. In Frankreich etwa existiert zwar die Idee des „vin de soif“, des einfachen, trinkigen Weins, und große Häuser wie Domaines Barons de Rothschild erzeugen durchaus zugängliche Qualitäten um auch geringes Geld. Doch das Format des Liters, diese bewusste Entscheidung für mehr Wein bei gleichbleibender Qualität, findet sich dort kaum.
In Deutschland hingegen hat die Literflasche ihre Wurzeln in der Gastronomie, im Schankwein, im offenen Ausschank. Sie ist kein Statement, sondern eine kulturelle Dauerinstallation. Ein Liter Wein, der geteilt werden will, der nicht auf den Moment der Verkostung zielt, sondern einfach auf die Trinklust. Die abnehmende Trinklust jüngerer Generationen nach 2000 ist ihr Problem – und zugleich ihre Chance. Denn sie steht für etwas, das dem Wein zunehmend verloren geht und das auch die jüngere Generation gar nicht mehr im Verborgenen sucht: Selbstverständlichkeit.
Fraglos stammt das Lesematerial dieser Weine aus der ersten Lese, der Vorlese, in welcher alle Trauben aussortiert werden, die das Weingut nicht mehr länger reifen lassen will. Und fraglos kommen Teile des Lesematerials auch aus qualifiziertem Zukauf vertrauenswürdiger Traubenlieferanten. Trotz dieser gefühlt als qualitative Einschränkung verstandenen Nivellierungen kann sich kein Weinbaubetrieb von Rang und Namen leisten, auch nur eine Flasche Wein vom Hof zu lassen, die nicht auch die Qualitätskriterien des teuersten Weins des Weinguts in sich trägt. Denn ein lediglich durchschnittlicher Wein eines für Qualität bekannten Weinguts wäre – vor allem in Zeiten von Social-Media – eine Katastrophe.
Es ist also an der Zeit, diese Flaschen ernst zu nehmen. Nicht als Kuriosum, sondern als das, was sie sind: eine der letzten wirklich demokratischen Formen des Weinangebots.
Der Silvaner in der Literflasche vom auch in der Sternegastronomie vertretenen Winzerhof Stahl (ab € 6,50, die etwas höherwertige Flaschenfüllung namens „Kilo“ für € 9,50) aus Simmershofen in Franken zeigt, wie klar und frisch diese Kategorie sein kann, wenn sie so richtig ernst genommen wird. Kein dekorativer Überbau, sondern ein präziser, geradliniger Wein, der die Rebsorte auf ihre auch kräftige Essenz reduziert. Frische, ein kühler Zug, dazu diese typische, leicht herbe Kräutrigkeit, die den Gaumen wach hält.
Das Juliusspital in Würzburg interpretiert den Liter-Silvaner (ab € 8,50) etwas klassischer. Hier ist mehr Rundung, mehr fränkisch-önologische Selbstverständlichkeit im Spiel. Die Frucht wirkt reifer, der Wein insgesamt etwas weicher, ohne seine Kontur zu verlieren. Ein Silvaner, der weniger auf Spannung setzt wie jener von Stahl, sondern auf Balance – und genau dort seine Stärke findet.
Beim Zehnthof Luckert in Sulzfeld am Main, ein richtig großer fränkischer Winzer mit Weinen von Weltgeltung, wird der Liter Silvaner (ab € 11,50) zum Understatement eines großen Könnens. Der Wein ist karg, präzise, beinahe streng in seiner Anlage. Weniger Frucht, mehr Struktur, mehr Salze der Böden, eine klare Handschrift, die sich nicht anbiedert. Dass ein solcher Stil in der Literflasche auftaucht, ist fast ein Statement für sich.
Das Weingut Schenk in Randesacker schließlich bringt eine Silvaner-Literversion (ab € 8,50) mit ins Spiel, die etwas offener, zugänglicher wirkt, ohne je ins Banale zu kippen. Der Silvaner zeigt Frucht, aber kontrolliert, bleibt trocken, sauber und klar. Ein Wein, der genau das erfüllt, was man sich von dieser Kategorie erhofft: Verlässlichkeit ohne Langeweile.
Der Liter Rivaner (Müller-Thurgau) vom Weingut Uli Metzger aus Grünstadt in der Pfalz (ab € 5,40) ist vielleicht die unterschätzteste Position in dieser Auswahl. Eine Rebsorte, die lange nicht zu unrecht als belanglos galt, hier jedoch mit erstaunlicher Präzision in Qualitätswein verwandelt wird. Leicht, frisch, mit klarer Frucht, ohne einer störend-banalen Süße. Und fern von den vielen belanglosen Weinen, für die Müller-Thurgau in Deutschland immer noch herhalten muss.
Das Pfälzer Weingut Hammel bringt mit seinen zwei prominentesten Liter-Flaschen eine fast schon spielerische Erweiterung des Gedankens ins Spiel. Der Riesling „Literweise“ (ab € 6,36) zeigt sich saftig, direkt, mit klarer Säure und unkomplizierter Frucht. Kein großer Tiefgang, aber eine erstaunliche Trinkigkeit, die genau in das Format einzahlt. Der Rosé „Literweise“ (Dornfelder & Pinot Noir, ab € 5,79) wiederum setzt stärker auf Frucht und auch Wucht, bleibt aber immer frisch, animierend – fast beiläufig gut.
Der Riesling vom Deisesheimer Weingut Von Winning im Literformat (ab € 7,10) wirkt wie ein kontrollierter Spagat. Das Haus, bekannt für ambitionierte, oft holzgeprägte Weine, zeigt hier, dass auch in der einfachsten Kategorie Reduktion möglich ist. Klar, präzise, mit sauberer Säure und einer Frucht, die nie dominiert und den Bodensalzen ihren Platz lässt. Ein Literwein mit Herkunft, ohne sie auszustellen.
David Spies, Winzer in Rheinhessen und der Kellermeister des bekanntesten Rieslings in den Speisewägen der DB, liefert einen Liter Riesling ab, der vielleicht am nächsten an das Ideal dieser Kategorie herankommt. Ein Riesling, der nichts will außer gut sein. Frisch, geradlinig, mit genau der richtigen Balance aus Frucht und Säure. Kein Statement, kein Konzept – sondern einfach ein Wein, der da ist, wenn man ihn braucht.

