(Claude Auguste, Redaktion)
Da gibt es Weine, die leben von der Tradition des Kelterns. Und da gibt es Weine, die wurden von Bewegungen überrollt, die glauben, Wein sei auch eine Art politisches Programm – das politische Statement der Weintrinker und Konsumenten. Ende der 1990er-Jahre geschah Letzteres gleich doppelt: Zwei ideologische Strömungen wollten den Chardonnay neu definieren – oder ihn gleich ganz verdrängen. Beide sind gescheitert. Und das zeigt, was heute angesagt ist: keine Dogmen!
Anything but Chardonnay!
Die erste Parole hieß „ABC“ – Anything but Chardonnay. In den USA erhoben, war sie ein Schlachtruf gegen den allgegenwärtigen, oft stark holzgeprägten Chardonnay – Weine, die mit massiven Barriqueton auch schwer zu genießen waren. Wer 1999 (vor allem in den USA) etwas auf sich hielt, bestellte Sauvignon Blanc, Chenin, oder Riesling. Man wollte sich abgrenzen vom vermeintlich banalen Konsumgeschmack, von der Schwere der „Buttery Chardonnays“, die in Kalifornien damals en vogue waren – und tatsächlich untrinkbar.
Es war ein Aufstand der Intellektuellen unter den Weintrinkern – eine Minderheit: Man wollte den Wein diverser machen, spannender, feiner. Und ja, für kurze Zeit war es chic, Sauvignon zu ordern, Riesling zu loben, Chenin blanc zu feiern. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Amerika trinkt heute mehr Chardonnay als je zuvor. Auch deshalb, weil die Importzölle auf andere Weißweine hoch sind und weil Chardonnay in den USA einfach funktioniert – er wächst, er trägt, er liefert verlässliche Qualität. „ABC“ war ein Hashtag, bevor es soziale Medien gab. Am Ende blieb er ein Slogan, keine Revolution.
Ohne Holz!
Die zweite Bewegung war noch absurder: Sie wollte den Chardonnay retten, indem sie ihm das Holz entzog. „Unoaked Chardonnay“ wurde das Schlagwort. Edelstahltanks statt Barrique und Tonneau, Frische statt Butter, Jugendlichkeit statt Toasting. Und für ein, zwei Jahre schien es so, als hätte man eine neue Ära ausgerufen.
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit einem dieser „Unoaked Chardonnays“. Es war auf der bekannten Messe in Düsseldorf, Anfang der 2000er. Ich hob das Glas, nahm den ersten Schluck – und wartete. Da war mäßig Frucht, da war überfrische Frische, aber da war auch eine Leere, die mich fast verlegen machte. Chardonnay ohne Holz schmeckte für mich wie ein Konzert ohne Streicher: korrekt, ordentlich, doch ohne Seele. Ich stellte das Glas beiseite, lächelte höflich und wusste: Diese Bewegung wird nicht lange leben.
Denn Chardonnay ohne Holz ist wie ein Roman ohne Sprache. Natürlich kann man ihn im Stahl ausbauen, die Franzosen tun es bisweilen im einfachen Bourgogne blanc – nicht aber ohne einen Teil der Lesesäfte in ein gebrauchtes Fass zu stecken. Aber Größe erreicht die Rebsorte erst im Dialog mit dem Fass. Seit bald 150 Jahren wird in Burgund Chardonnay im Holz vergoren und ausgebaut. Es ist eine Ehe, die funktioniert. Wer Chardonnay will, will Substanz. Und Substanz braucht bei dieser Rebsorte braucht nicht Maischestandzeit alleine (wenn überhaupt), sondern Holz.
Ideologie und Wein: das lass sein!
Beide Bewegungen, „Anything but Chardonnay“ und „Unoaked Chardonnay“, hatten eine Gemeinsamkeit: Sie wollten den Wein in eine ideologische Form pressen. Sie predigten, sie polemisierten, sie wollten Konsumgewohnheiten erzwingen. Zur gleichen Zeit trat Nicolas Joly mit seinem radikal-biodynamischen Anspruch auf – der erste „Naturwein-Gott“ der Moderne. Auch er wurde damals wie ein Prophet gefeiert.
Doch die Geschichte zeigt: Ideologien haben im Wein wenig Bestand. Wein ist keine Religion. Er ist Kultur, Handwerk, Landwirtschaft und Genuss. Bewegungen, die ihn instrumentalisieren, halten selten länger als ein paar Jahrgänge. Sie mögen Schlagzeilen machen, aber sie prägen keine Generation.
Der Markt, der Gaumen, die Tradition – all das ist stärker. In den USA trinkt man heute Chardonnay – mit Holz und ohne schlechtes Gewissen. In Frankreich füllt man weiter in Fässer, wie seit Jahrhunderten. Und in Deutschland und Österreich hat die ABC-Parole niemanden je wirklich beeindruckt.
Schluss jetzt!
Was bleibt? Chardonnay ist das geblieben, was er war. Er hat die Attacken überlebt, er hat die Moden überdauert, er hat sich wieder einmal als die große weiße Rebsorte der Welt erwiesen. Sauvignon, Riesling, Chenin – sie haben alle ihre Nische, ihre Liebhaber, ihre Heimat. Aber keine ideologische Bewegung konnte den Chardonnay vom Thron stoßen.
Und das ist die eigentliche Lektion: Wein braucht keine Ideologie. Er braucht Winzer, die ihn ernst nehmen, Lagen, die ihn tragen, und Trinker, die ihn lieben. Alles andere ist ein Zwischenspiel – so kurzlebig wie ein Sommertrend.

