(Manfred Klimek, WELT am SONNTAG, Getty Stock free)
Es steht da, in der Reihe meiner vielen Alltagskelche. Es steht einsam da, wie ein Überlebender aus einer anderen Epoche: mein letztes Vinum-Bordeaux-Glas der Kufsteiner Glasbläser Riedel. Gekauft 1988, als ich gerade begann, Wein nicht nur zu trinken, sondern auch verstehen zu lernen. Damals war Riedel als Manufaktur handgeblasener Qualitätsgläser alleine auf weiter Flur. Wer etwas auf Wein hielt, trank aus einem Riedel-Glas. Diese Gläser ließen in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren den Wein quasi neu entstehen. Sechs Bordeaux-Gläser waren es einst. Heute ist nur noch eines übrig.
Ich nehme es kaum noch in die Hand. Zu groß die Angst, dass es zerschellt – am zu festen Aufstellen, am Spülen, am Polieren. Zu banal wäre solch ein Ende. Ein falscher Druck, ein kleiner Riss, ein stumpfer Ton, und vierzig Jahre Weinerinnerung verschwinden in einem Scherbenhaufen. Was dann bliebe, wäre Erinnerung ohne Körper, ein Orchester ohne Klang.
Denn dieses Glas trägt die Geschichte meines Weintrinkens. Es hat Lafite gespürt, und Latour; es hat den ersten selbstgekauften Weinen, den unerschwinglichen wie auch den günstigen, und den vielen spontanen Käufen aus Neugier, ein Gebinde gegeben, das der Winzerinnen und der Winzer Werk perfekt an meinen Esstisch transportierte. Es hat den grandiosen Figeac 1982 in sich getragen – und so meine Bordeauxliebe verfestigt. Es hat in langen Nächten die Farbe von Pomerol leuchten lassen – mehr noch als die kitschige Kerzenbeleuchtung, die ich damals bei jeder Rotwein-Hausmesse die Liturgie lesen ließ. Es hat auch die Fehlkäufe ertragen, die bitteren, die harten, die unausgereiften Weine, die ich damals noch mit dem Brustton der Ahnungslosigkeit schönredete. Dieses Glas hat alles geschluckt. Ohne Urteil. Und während seine gleichzeitig gelieferten Glasgenossen Stück für Stück den Weg alles Irdischen gingen, wurde dieses Glas zum last Glas standing. Das Überlebende.
Warum also ist mir dieses eine Glas so nah? Vielleicht, weil es eine Konstanz verkörpert, die der Weinbau und ich nie hatten. Winzer kamen und gingen, Jahrgänge wechselten, meine Vorlieben verschoben sich, doch dieses Glas blieb gnadenlos Referenzraum für alles, was ich ihm einschenkte. Seine Rundung, sein Zug nach oben, die Art, wie es die Aromen bündelt und dann freigibt – all das hat sich mir eingeschrieben. Wenn ich heute aus ihm trinke, schmeckt der Wein anders, dichter, näher an dem, was ich erwarte und doch darüber hinausgehend. Und freilich ist vieles davon auch Projektion, ein Quentchen Selbsttäuschung – geschenkt!. Dieses eine Glas führt mich zudem stets zurück in jene Jahre als Gläser noch nicht austauschbar waren, sondern Gebinde einer neuen Welt, die gesamt zu entdecken keinem Menschen in einem Menschenleben möglich wäre.
Selbstredend setze ich es selten ein. Vielleicht einmal im Jahr, wenn ich einen Wein habe, den dieses Glas verdient. Doch dann ist da immer auch das Risiko. Ich hebe das Glas vorsichtiger als jedes andere, ich spüle es von Hand, ich trockne es mit einem weichen Tuch, als wäre es ein Kind. Und wenn ich es wieder in den Schrank stelle, weiß ich: noch ist es da. Noch hält das Versprechen hinter seinem durch Polieren auch leicht trüb gewordenem Glas.
Es ist eine sentimentale Geschichte, gewiss. Aber sie sagt etwas über Wein. Dass er nicht nur im Fass altert, nicht nur in der Flasche. Sondern auch in uns. Dass wir Werkzeuge brauchen, Gefäße, an welchen sich unsere Biografie festmacht. Dieses Glas ist der letzter Zeuge meines Werdens als Weintrinker, Weinschreiber – und auch als Winzer. Mein einziger verbliebener Zeuge, der all die Jahre dabei war.
Ich weiß: Eines Tages wird auch dieses Glas banal zerspringen. Wahrscheinlich, so wie oft, nicht am Körper, sondern am Stiel. Vielleicht aber überlebt es mich und dient dann meinem Sohn, der es erbt. Doch bis dahin hält es stand – mein dünnwandiges großes Stück Erinnerung. Das, was im späten Leben bleibt.

