Sein Tod kam überraschend und war auch ein Schlag ins Gesicht der Kremstaler Weinszene – damals, 2018, als Walter Buchegger starb. Mit fünfzig. Nach dem Frühstück. Mitten im Werk. Er, der Stürmende, der Fortschreibende, der aus dem Stillstand der Region in den späten 1990er-Jahren die Konsequenz zog moderne Weine zu keltern und so auch alte Kunden vor den Kopf zu stoßen und neue Weintrinker, jüngere Weintrinker, mit einem runderneuerten Sortiment an seine Weine zu binden – vor allem in der damals strak wachsenden Szenegastronomie.
Nach Walter Bucheggers Tod stand seine Parnerin Silke Mayr alleine da – Winzerin, Mutter der gemeinsamen Kinder und nun auch für zwei Weingüter zuständig. Dem eigenen Weingut Vorspannhof Mayr und dem Weingut Buchegger, das Walter aufgebaut hatte. Es hätte das Ende bedeuten können – für eines der Güter, vielleicht für beide. Doch für Mayr, eine intellektuelle und starke Frau, war resignatives Denken keine Option. Sie hielt nicht nur stand. Sie hob an. Heute stehen die Namen Mayr und Buchegger für Kontinuität und einer für alle erkennbaren, süffigen Moderne: für Weine, die Zukunft behaupten.
Wer heute ihre Flaschen beider Weingüter öffnet, spürt Ernst und Präzision, Klarheit und, ja, auch Haltung. Nichts Gefälliges, dem reinen Gefallen willig, nichts Zufälliges, wie es ideologischer Weinbau lange vorschrieb. Sondern Weine, die optimal das lokale Terroir spiegeln, das die kleine Weinregion von ihren großen Nachbarn, den Gegenden Wachau und Kamptal, gering aber doch unterscheidet. Einer dieser Unterschiede sind Weinlagen am Rande des Gebietes, dort, wo die Wälder des kühlen Waldviertels beginnen – jene Gegend, in der die so genannte Böhmische Platte, die tschechische Hochebene, beginnt.
Der Grüner Veltliner Ried Wolfsgraben (Vorspannhof Mayr) 2024 (€ 9,50) zeigt, wie viel Herkunft in einem Basiswein stecken kann: Lehm-Löss-Böden, wie hier oft, 40–50 Jahre alte Stöcke, Stahltank, kaum Maischestandzeit – und doch Substanz, Salzigkeit, eine delikate Spannung. Kein rustikaler, einfacher Veltliner, sondern ein Wein der die viel gerühmte, autochthone Delikatesse der Rebsorte auf den Punkt bringt – jenem Punkt, der sich schlicht mit Trinkfreude umschreiben lässt.
Der Riesling Gedersdorf Ortswein (Weingut Buchegger, € 9,90) folgt auf dem Fuße: keine Kopie deutscher Rieslinge, die hier auch gar nicht möglich wäre, kein süßes Echo einer Kabinettwein-Idee, sondern straff, steinig, eigenständig. Ein Wein, der zeigt, wie sich der wieder erwachte Trend vergnüglicher Weine vom Hof in den Handel übersetzt, der bei beiden Weingütern, vor allem beim Vorspannhof, immer noch sehr stark vom Ab-Hof-Verkauf geprägt ist – jener alter, persönlich geführter Bauernmarkt der Winzer, der in diesen Zeiten Gold ist.
Danach der Rieling Kremsleiten 2024 (Vorspannhof Mayr, €15,50): Terrassen, karg, die alte Reben vom Großvater geerbt. Steinobst, Pfirsich, Firn. Massiv in der Struktur, frisch in der Ansprache. Ein Wein, der Gewicht hat, ohne je schwer zu wirken.
Zwischendurch der Rote Veltliner Ried Tiefenthal 2023 (Weingut Buchegger, €16,50): Rauch, Walnuss, Haselnuss, Stachelbeere, Himbeere. Morbid, aber nie rustikal. Nasser Ton, dunkel, sinnlich. Ein Buchegger durch und durch – fürs große Glas, nicht fürs kleine. Roter Veltliner hat übrigens wenig bis nichts mit Grünem Veltliner zu tun und wurde hier schon angebaut, als noch Raubritter den Donauraum der Region beherrschten.
Mit dem Riesling Erste Lage Ried Marthal 2024 (€ 22) setzt Silke Mayr einen Kontrapunkt: Nuss, Aprikose, Pfirsich, dazu ein Kraft und Geschmack gebender Gerbstoffton aus sieben Stunden Maischestandzeit. Stahltank, Klarheit, Dichte. Und spannende Spannung.
Der Grüner Veltliner Ried Vordernberg 2023 (Weingut Buchegger, € 26,50 ): Rauch, etwas Rustikalität, ohne Bäuerlichkeit, Stöcke aus den 1960ern – auch aus einer Subriede mit dem abtörnenden Namen „Ungut“. Gewichtig hier: die Eleganz, die dieser Veltliner vor allem im bauchigen Burgunderglas als As ausspielt.
Und als Krönung: der Grüner Veltliner 3 Rosen (Vorspannhof Mayr, € 37). Die ältesten Weingärten, Burgunderflasche – und auch burgundische Tiefe. Massiv, ernst, groß. Ein Wein, der nie Ornament sein will, sondern immer Statement.
Buchegger war ein Progressist. Er riss die Fenster auf, holte frischen Wind ins Kremstal. Sein Tod war ein Bruch. Doch Silke Mayr hat aus diesem Bruch eine Linie gekeltert, die die Unterschiede beider Güter wieder mehr hervorhebt als früher: zwei Geschichten, zwei Handschriften. Sie schafft dabei Weine, die nichts von Verlust erzählen, sondern von Gegenwart und Zukunft.
Das ist vielleicht die größte Leistung: Aus der Katastrophe kein Denkmal zu machen, sondern ein Sortiment, das lebt.

