(Redaktion, Manfred Klimek)
Er liegt harmlos da, dieser kühl blaue, jede Genussromantik abweisende Stick: technisch glatt, leicht futuristisch, ein kleines Gerät ohne Pathos. Nichts an ihm verrät, dass er für eine ganze Generation das geworden ist, was für uns der Rotwein war: der Abendöffner, der Entschleuniger, der kleine private Übergang vom Tag in die Nacht. Und, ich gestehe es hier offen: auch für mich. Nicht immer, aber zunehmend oft. Denn in diesem legal in Deutschland erwerbbaren Stick (nicht in Österreich oder der Schweiz) steckt ein sehr sanfter Vaper-Blend, ein Hauch HHC, keinerlei THC, und eine Wirkung, die ich früher nur dem Wein zugeschrieben hätte. Ein weiches Müdewerden, ein gelassenes Abtauchen, ein feiner, beinahe literarischer Nebel. So mild wie ein leichter Bordeaux, so klar wie ein Riesling, so verlässlich wie ein Quantum Comfort.
Dabei geht es nicht darum, den Wein zu verdrängen. Es geht darum, dass der Körper mit den Jahren seine eigenen Verträge neu verhandelt. Rotwein, selbst in moderaten Mengen, fordert inzwischen mehr Tribut als früher. Ich merke es deutlich: ein paar Gläser zu viel, und der nächste Tag wird zum Reparaturbetrieb. Der Stick hingegen – so unscheinbar er aussieht – wirkt effizienter, steuerbarer, körperlich leichter. Eine Art Frieden im Handformat. Für viele Menschen zwischen 20 und 40 ist er längst selbstverständlich.
Natürlich stellt sich eine Frage, die vor wenigen Jahren noch absurd geklungen hätte: Warum gibt es keinen Rotweinvape? Einen, der nicht nur den Geschmack transportiert, sondern das Ritual, die Wirkung, die leichte Betrunkenheit. Wir inhalieren Minze, Mango, Menthol, Kirsche, Energy, sogar irgendwas, das „Galaxy Ice“ heißt – aber kein einziges Produkt wagt sich an die älteste Abendkultur Europas.
Kann Alkohol überhaupt sinnvoll verdampft werden? Wird man davon betrunken? Die wenigen, die ich fragte, sagen: ja – aber vermutet nur ein wenig, und anders, und nicht so warm im Herzen wie ein Glas Wein. Es ist eine halbseidene Wissenschaft, eine Grauzone zwischen Aromatherapie und Substanzkultur. Die Behörden haben Werkzeuge für Cannabis, für Alkohol sowieso. Aber für diese neuen Blends? Schwieriger. Und genau das macht sie so attraktiv: Sie entziehen sich den klassischen Schubladen der Regulierung. Ein Rotweinvape würde nicht nur eine Lücke schließen, er wäre ein kulturhistorisches Experiment.
Vielleicht liegt darin eine Chance, so seltsam es klingt. Die Weinwelt ist in einer Phase, in der sie um ihren Anschluss an die jüngeren Generationen ringt. Die Jugendlichen vapen, sie trinken weniger, sie wollen Kontrolle. Und sie haben keine Geduld für 800 Jahre Tradition, wenn diese Tradition ihr Lebensgefühl nicht berührt. Ein Rotwein-Vape könnte grotesk wirken – oder genial. Es wäre ein Produkt, das Brüderlichkeit zwischen Welten stiften könnte, ein Tor für jene, die Wein bislang nur als Problemzone ihrer Eltern kennen. Warum nicht ein Einstieg durch den Nebel statt durch das Glas?
Natürlich würde es viele geben, die darin Blasphemie sehen. Der Wein ist sakral, sagen sie, der Wein ist Kultur, der Wein darf nicht in eine Patrone gezwungen werden. Doch dieselben Menschen vergessen, dass Wein ursprünglich ein Zufallsprodukt war, ein technologisches Experiment der Antike. Und dass jede Kultur, die sich nicht bewegt, sich selbst mumifiziert.
Ich plädiere nicht dafür, die Flasche durch den Stick zu ersetzen. Ich plädiere dafür, die Realität wahrzunehmen: Die Welt hat sich schneller verändert, als es der Weinbau gewohnt ist. Vielleicht ist es Zeit, dass Winzer, die heute schon Naturwein, Zero-Dosage-Sekt oder alkoholfreie Optionen denken, noch einen Schritt weiter gehen. Geld zusammenlegen, gemeinsam forschen, ein Rotwein-Vape-Konzentrat entwickeln, das nicht lächerlich ist, sondern ernsthaft. Ein Wein, der nicht getrunken, sondern geatmet wird.
Wahrscheinlich wird das nie passieren. Aber der blaue Stick auf meinem Tisch erzählt mir, dass es passieren könnte. Und dass es – wie so oft – nicht die Tradition ist, die entscheidet, sondern die Bedürfnisse des Abends. Und die verändern sich schneller als jede Appellation.

