(Manfred Klimek, animated pic: runwayml)
Es sind diese Fälle, die ich eigentlich nicht glauben will, weil sie zu gut zu derzeitigen Lage Deutschlands passen. Roman Niewodniczanski macht an der Saar einen seinenr besten Weine – und darf ihn nicht als solchen verkaufen. Nicht, weil der Wein nicht gut genug wäre. Nicht, weil er Fehler hätte. Sondern weil er nicht ins Regelwerk passt. Kein Siegel, keine Klassifikation, kein Premiumstatus. Ein Spitzenwein, formal degradiert. Und das bei einem der sichtbarsten Betriebe der Region, dem Weingut Van Volxem. Und bei einem der weltweit bekanntesten deutschen Weinberge: den Scharzhofberg – Legende!
Man muss sich das langsam vor Augen führen. Da steht jemand mit seinem Team im Weinberg, arbeitet präzise, denkt weiter als der Durchschnitt, bringt einen Wein in die Flasche, der alles hat, was wir uns wünschen – und scheitert dann nicht im Keller, nicht am Markt, sondern am Formular. Am fukking Formular.
An Vorschriften, die festlegen, wie ein Wein zu sein hat, bevor er überhaupt getrunken wird. Das ist kein Randphänomen. Das ist System. Und es trifft ausgerechnet einen Winzer, der aus einer Unternehmerfamilie kommt, die mit Bitburger Bier und Gerolsteiner Mineralwasser groß geworden ist – also aus einem Umfeld, das Märkte versteht, Marken führen kann und weiß, wie man Produkte positioniert. Genau dieser Hintergrund macht den Fall noch bemerkenswerter.
Der deutsche Weinbau hat sich über Jahrzehnte ein Regelwerk gebaut, das Sicherheit verspricht. Herkunft, Stil, Klassifikation – alles fein säuberlich geordnet, abgestuft, kontrolliert. Das hat Vorteile. Es schafft Orientierung, Vertrauen, ein Gefühl von Verlässlichkeit. Aber es hat auch eine Kehrseite. Und die zeigt sich immer dann, wenn jemand aus diesem Raster herausarbeitet. Wenn einer wie Roman Niewodniczanski bei Van Volxem einen Wein macht, der vielleicht bewusster, vielleicht präziser, vielleicht einfach anders ist als vorgesehen.
Denn das System belohnt nicht primär Qualität. Es belohnt Konformität. Und das ist untauglich im Qualitätsweinbau – untauglich generell.
Wer sich innerhalb der Linien bewegt, bekommt sein Siegel, seine Herkunft, seine Vermarktungschance. Wer diese Linien verschiebt, auch nur leicht, verliert genau das. Und plötzlich steht da ein Wein, der im Glas überzeugt, aber auf dem Etikett schweigen muss. Kein „Großes Gewächs“, kein Premiumhinweis, kein klarer Platz im System. Für den Konsumenten wird er unsichtbar. Für den Winzer wirtschaftlich schwieriger. Dass das ausgerechnet Roman Niewodniczanski passiert, der mit Van Volxem wie kaum ein anderer, mit einer Handvoll anderer, für Präzision und Ambition an der Saar steht, wirkt wie ein Lehrstück.
Das ist die eigentliche Absurdität. Ein System, das Qualität sichern will, verhindert in bestimmten Fällen genau jene Qualität, die es hervorbringen sollte.
Und es bleibt nicht beim Wein.
Diese Form der Überregulierung ist längst zu einem Grundrauschen geworden, das sich durch viele Bereiche des Landes zieht. Genehmigungen, Vorschriften, Zuständigkeiten – alles geregelt, alles abgesichert, alles kontrolliert. Und gleichzeitig entsteht daraus eine Trägheit, die Innovation nicht fördert, sondern ausbremst. Nicht laut, nicht spektakulär. Aber konstant. Ein Staat, der sich selbst so fein austariert hat, dass er an vielen Stellen mehr verwaltet als ermöglicht.
Der Weinbau ist dafür ein besonders gutes Beispiel, weil hier die Folgen so direkt sichtbar werden. Ein Wein ist kein theoretisches Produkt. Er steht im Glas. Man kann ihn probieren, vergleichen, beurteilen. Und wenn dieser Wein gut ist, sehr gut sogar, dann wird die Diskrepanz zwischen Regel und Realität sofort spürbar. Genau das zeigt der Fall Van Volxem.
Ich könnte sagen: Dann soll der Winzer eben außerhalb des Systems arbeiten. Viele tun das längst. Landwein, eigene Kategorien, neue Wege der Vermarktung. Aber das ist gerade beim Scharzhofberg keine Lösung. Denn das bestehende System bleibt bestehen. Mit all seinen Marktmechanismen, seiner Sichtbarkeit, seiner Macht.
Deutschland ist gut darin, Systeme zu bauen. Sehr gut sogar. Aber manchmal vergisst es dabei, wofür diese Systeme eigentlich gedacht sind. Sie sollen ermöglichen, nicht verhindern. Sie sollen ordnen, nicht ersticken.
Der Scharzhofberger von Roman Niewodniczanski wird trotzdem getrunken werden – dass nicht: dazu ist der Name des Bergs zu groß in der Weinwelt. Er wird nie die Geschichte eines Scheitern erzählen. Aber in einem kleinem Maß die Geschichte des gegenwärtigen Scheiteren Deutschlands.

