(Manfred Klimek, Redaktion)
Die Saar ist ein Ort des Dazwischen.
Zu groß, um beschaulich zu sein, zu schroff, um sich zu vermarkten, zu schön, um vergessen zu werden. Eine Landschaft, die unterbricht: im Süden enden ihre Rebhänge an den alten Hüttenwerken von Völklingen, rostig, trotzig, wie ein industrielles Nachwort zur Natur. Im Norden verläuft sie in karge Hügel hinein – dort, wo einst Napoleons Truppen durchs Land zogen und wo heute die Kampfjets von Spangdahlem ihre Flugrouten über die Reben ziehen.
Die Saar ist das Unwahrscheinliche im deutschen Wein.
Sie gehört offiziell zur Großregion Mosel (bis 2006 noch Mosel-Saar-Ruwer), wird aber von ihr überschattet – von der Tourismus-Postkarte, den Booten, den Kameras, den endlosen Campingplätzen zwischen Winningen und Trier. An die Saar verirren sich nur jene, die wirklich wissen, was sie suchen: Stille, Steilhänge, Schiefer. Und dieses leise Beben, das große Rieslinge von der Saar auszeichnet – diese glasklare, fast spröde Art, die nicht schmeichelt und ihr Wesen nachdrücklich erklärt.
Hier, in Konz-Oberemmel, an der Grenze zu Luxemburg, lebte und arbeitete Eberhard von Kunow, einer jener Menschen, die den Saarwein zu dem machten, was er heute ist: eigenständig, unverwechselbar, unnachgiebig.
Von Kunow übernahm den Betrieb 1973 von seinem Vater und führte ihn fast vierzig Jahre lang. Als Winzer war er kein Lautsprecher, sondern ein Charakter – geradlinig, meinungsstark, kompromisslos in seiner Vorstellung von Qualität. Er glaubte an Riesling, aber nicht an Mode. Seine Weine waren klar, tief, ungeschminkt – und sie schmeckten immer nach Herkunft, und nie nach Kellerarbeit alleine.
Dass sein Sohn Maximilian von Kunow heute zu den besten Riesling-Produzenten Deutschlands zählt, ist kein Zufall, sondern die vererbte Konsequenz dieser Haltung.
Eine kleine Republik aus Steillagen und Standpunkten
In Geisenheim hatte Eberhard von Kunow gelernt, wie man Wein macht – aber an der Saar lernte er, warum. Seine Weggefährten: Egon Müller vom Scharzhofberg, Hanno Zilliken vom Forstmeister Geltz-Zilliken, Claus Piedmont aus Filzen. Männer, die nicht über Trends redeten, sondern über Jahrgänge – und nicht gering über Weinbaupolitik.
Mit ihnen verband von Kunow ein Geist, der an der Saar Tradition hat: Diskussion, Streit, Freundschaft. Bei den „Dienstbesprechungen“ mit Kollegen wie Wilhelm Haag, Manfred Prüm, Christoph Tyrell oder Willi Schäfer wurde nicht über Werbung gesprochen, sondern über Wein – und über Politik, wenn der Wein sie nicht gerade verdrängte.
Von Kunow war kein Theoretiker, sondern ein Praktiker mit Haltung. Wenn andere von Nachhaltigkeit redeten, arbeitete er längst so. Wenn andere Kellertechnik feierten, blieb er bei Geduld. Zupacken, aber auch zuhören.
Der Macher, der mitmachte
Eberhard von Kunow war kein Einzelgänger. Er verstand das Wort „Winzergemeinschaft“ wörtlich.
Er war im Gemeinderat, engagiert im Karnevalsverein, beim Rotary-Club – und auch dort derselbe Mensch wie im Weinberg: offen, direkt, ohne Pose. Seine Art zu leben war die Verlängerung seiner Art, Wein zu machen: ehrlich, unverschnörkelt, mit Freude am Detail.
Als Auktionator bei den Versteigerungen des VDP „Großer Ring“ war er legendär – nicht wegen seiner Lautstärke (und seiner Lacher), sondern wegen seiner Gelassenheit. Wo andere Zahlen jagten, wog er Worte.
Die Saar als Charakterlandschaft
Es ist kein Zufall, dass gerade diese Gegend, im äußersten Westen der Republik und dicht an Frankreich grenzend, solche Menschen hervorbringt, denn die Saar verlangt seit jeher Haltung. Sie belohnt nicht jeden Jahrgang, nicht jede Idee. Sie ist kein Marketing-Terrain, sondern ein Geduldsspiel aus Wetter, Boden und Willen.
Neben den bekannten Namen – Scharzhof, Zilliken, von Othegraven – gehört auch von Hövel zu den Gütern, die diese Region geprägt haben. Von Othegraven, heute im Besitz von Günther Jauch, führt die Linie der klassischen Saar-Rieslinge fort – leise, präzise, ernsthaft. Es ist jene Art Wein, die nicht banal betört, sondern dramatisch beeindruckt.
Eberhard von Kunow war einer, der die Saar verstand, weil er ihr ähnlich war: eigenwillig, widersprüchlich, verlässlich. Kein Blender, sondern ein Mensch, der Dinge besser machte, indem er sie ernst nahm.
Von Kunow starb am 12. Oktober 2025 im Gutshaus seines Weinguts – friedlich, im Kreis seiner Familie.
Ein Leben zwischen Schiefer, Schweiß und Scharfsinn, das zu Ende ging – und das die besten Jahre des deutschen Weins nicht nur erlebt, sondern mitgestaltet hatte.
Aber die Saar, die bleibt.

