(Manfred Klimek / WELT am SONNTAG)
Die Weinwelt beendet das zweite Jahr ihrer Absatzkrise, die vor allem Rotweinwinzern schwer zu schaffen macht, denn der über Jahre von Millionen wie selbstverständlich konsumierte Alltagsrotwein ist bei der Generation-Z und bei den Millenials total abgesagt. Doch die Krise des Weinbaus findet eben nicht überall statt: ganz gegenteilig habe ich bei meinen Besuchen in der österreichischen Wachau und an der Mosel, wo ich diese Zeilen gerade in einem alten Weinprobenraum schreibe, Winzer getroffen, die schon vor fünf Jahren kluge und intellektuell scharfsichtige Strategien gegen die damals dräuenden Verwerfungen getroffen haben. Zwei davon heißen Nik Weis (Mosel) und Emmerich Knoll (Wachau). Beide stehen exemplarisch für etwas, das die Branche erneuern könnte: den Mut zur Verwandlung (denn Wandel alleine wäre zu wenig) ohne Verlust der Identität.
Beide waren nie Lifestyle-Winzer, beide waren nie jene, die sich in der Social-Media-Huberei verrannten. Aber beide erkannten die Veränderungen bei den Konsumenten. Denn während viele auch sehr renommierte Winzer immer noch versuchen, ihre alte, über lange Jahre bewährte Kelterkultur in neue Flaschen zu retten, haben Weis und Knoll längst begriffen, dass wuchtige GG-Rieslinge oder schwere Wachauer Smaragde einer Zeit angehören, die einfach vorbei ist.
Der Markt verlangt jetzt etwas anderes: Filigranität, Brillanz, Energie, Leichtigkeit – und dennoch Größe, eine Wucht im Auftritt, die nicht vom Alkohol getragen wird, sondern von der Kunst, die Extrakte zu dirigieren. Genau jene fünf Parameter, die Weis und Knoll mittlerweile perfektioniert haben. Sie haben ihre Weine verschlankt, feminisiert, doch nicht entkernt – und damit einen kleinen Kulturbruch erzeugt, der im Rückblick einmal als Wegweiser gelten könnte. Vielleicht sogar als Rettungsanker eines gewichtigen Teils des gesamten deutschsprachigen Weinbaus.
Ich überspringe den vorzüglichen Gutsriesling von Nik Weis und gehe gleich zu seinem Riesling Mehringer Alte Reben 2024 (12 % Alkohol, € 19,00): ein schon brutal neuer und mit einem Gramm Zucker brutal trockener Moselriesling, der noch vor zehn Jahren als schwer vermarktbar gegolten hätte. Ein leicht „dreckiger“, herrlich kantiger Wein: Erbse, Kohlrabi und viel blauer Mosel-Schiefer, vibrierend, kräutrig, salzig – und in all seinen Wendungen erstaunlich charmant.
Danach der Riesling Bockstein Großes Gewächs 2023 (12,5% Alkohol, € 48,00): ein Monument. Weniger Salze des Schiefers, mehr Frucht, aber ein Basisfundament aus kühlem, kräftigem Stein. Massiv Pfirsich, dazu ein wenig heller Rauch, etwas Shitake, gering Sandelholz. Und dann diese Meeresassoziationen: Jod, Algen, Bretagne bei Windstärke 5, Magnesia-Pulver, Kreide ohne Kalk. Fast ein maritimer Wein – am Rande zum Saarland gewachsen. Ganz großer Stoff!
Weiter zum Riesling Neuwiese 2023 (eine Bockstein-Gewanne, 12 % Alkohol, € 29,00): ein Riesling aus einer Serie von Einzelfuderfass-Rieslingen, der so schmeckt, als hätte jemand die Region Macon an die Mosel gebeamt. 6 Gramm Zucker, cremige Länge, warme Hefe, viel Saft, viel Verführung. Ein Wein, der das Wort „lecker“ endgültig von seiner Banalität befreit. Burgund im Schiefergewand.
Zuletzt der Riesling Am Wasserlauf 2023 (12,5% Alkohol, € 29,00): ein weiterer Wein aus einem der 1300-Flaschen-Fuderfässer aus slawonischer Eiche. Ein Hauch Zuckerwatte, eine sehr feminine Silhouette, Pfirsichlikör-Bonbon, Blauschiefer, Quarzit, klare Frucht. Fast ein Parfum. Ein Wein, der mit mir flirtet, mit mir spielt. Ich trinke die Flasche fast leer.
Für die Weine von Emmerich Knoll bleibt heute zu wenig Platz, deswegen in 14 Tagen mehr von diesem, dieses Jahr 200 Jahre alt gewordenen, österreichischen Traditionsbetrieb. Ich will aber hier noch den großartigen Riesling Smaragd Kellerberg 2024 erwähnen (13% Alkohol, € 53,50): karger Urgesteinsboden, kühle Durchzugsluft der Donau. Der Wein ist zuerst verblüffend scheu, doch wie ziseliert die Knolls die Frucht setzen zeugt von großer Kelterkunst: Pfirsich, Marille, Quitte, gering Litschi, alles in hauchdünnen Schichten gemeinsam wirkend – gigantisch leicht, gigantisch gut!

