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von Claude Auguste
Manchmal, Tage nach dem Abend, von dem ich dachte, er sei vorbei, gehe ich zurück an den Ort des Geschehens. In der Küche steht noch das Glas, nicht gespült, nicht poliert, nicht zurückgestellt. Daneben die Flasche, leer. Oder fast leer. Ich hebe sie an, neige sie, schaue durch die Öffnung in den Flaschenhals wie in ein vergangenes Jahrhundert. Und dann, mit einer Drehung des Handgelenks, geschieht es: Ein letzter Tropfen löst sich aus dem Dunkel. Und noch ein paar mehr. Zwei, vielleicht drei Milliliter im Glas. Schwer. Rot. Von einem gewissen müden Glanz.
Ich trinke diese Tropfen. Langsam rinnt der Rest über die Papillen. Ich trinke diese Tropfen nicht aus Durst, nicht aus Neugier, sondern aus einer Art ritueller Pflicht. Sie sind die letzten Zeugen einer verwehten Nacht. Manchmal, das gebe ich zu, geschieht das erst am dritten Tag. Und ich weiß, was die Pedanten jetzt einwenden: Der Wein ist oxidiert. Tot. Ein Schatten seiner selbst. Ein pathologisches Überbleibsel. Doch ich sage: Gerade in diesem Zustand zeigt sich die Wahrheit der großen Weine.
Denn wenn der letzte Tropfen noch singt – heiser, gebrochen, aber mit innerer Melodie –, dann war der Wein groß. Vielleicht war er sogar sehr groß.
Es ist wie mit einem alten Sänger, dessen Stimme brüchig geworden ist, aber der eine Phrase noch so setzt, dass der ganze Saal schweigt. Weil er nicht die Kraft, sondern die Erinnerung an die Kraft trägt. Weil er, in seiner Schwäche, den wahren Kern zeigt. So ist es mit dem letzten Tropfen: Er trägt keine Frucht mehr, keine Frische, keine Show. Er ist nackt. Und darin liegt seine Würde.
Ich habe das erlebt mit alten Baroli, mit Grenache aus Châteauneuf, mit Pauillac, mit Cornas. Aber auch mit deutschen Spätburgundern, wenn sie nicht gemacht wurden, sondern wurden. Wenn der Wein nicht nur schmeckt, sondern spricht. Und am Ende flüstert.
An solchen Tagen stelle ich mir vor, der Wein hätte sich verwandelt in einen Abdruck seiner selbst, ein fossilisiertes Echo, wie ein Stück Bernstein mit eingeschlossenem Insekt: tot und doch auf ewig lebendig. Kein Sommelier kann das herbeiführen. Kein Dekantieren, kein Karaffieren, kein Zwirbeln bringt diesen Moment hervor. Er ist der Lohn des Geduldigen, des Nachdenklichen, des Heimkehrers, der die Szene noch einmal betritt, wenn alle schon gegangen sind.
Ich kenne Menschen, die sagen, sie hätten keine Geduld für solche Nachspiele. Ihnen sei das Leben zu kurz, um alten Weinen beim Sterben zuzusehen. Ich aber glaube: Wer den letzten Tropfen nicht ehrt, wird auch den ersten nicht verstehen.
Und manchmal, wenn ich diesen Tropfen trinke – mit geschlossenen Augen, allein, das Glas leicht schief in der Hand –, dann kommen Bilder zurück. Nicht aus dem Wein, sondern aus der Nacht. Die Stimme des Freundes, der lacht. Der Satz, der in die Stille fiel. Die Musik, die sich unmerklich mit dem Tannin vermischt hat. All das kehrt zurück, wie ein Duft, der aus einem alten Buch steigt, wenn man es nach Jahren wieder aufschlägt.
Ich trinke diesen Tropfen immer aus dem gleichen Glas. Oder sagen wir: aus dem, was davon übrig ist. Meine Gläser stammen aus einer anderen Zeit, der frühen Rodenstock-Serie von Riedel, Burgunder und Bordeaux, gezeichnet, geschliffen, mit jenem Maß an Unauffälligkeit, das damals noch als Form der Eleganz galt. Ich habe sie nicht nur gekauft. Ich habe sie geerbt, getauscht, gefunden, erkämpft. Manche kamen über Umwege zu mir, aus verlassenen Restaurants, aus Haushaltsauflösungen, von Freunden, die sie nicht mehr brauchten – oder nicht mehr brauchten konnten.
Diese Gläser sind keine Schönheiten mehr. Ihre Kelche sind nicht mehr ganz klar, feine Schlieren vom Polieren ziehen sich wie Jahresringe über die Fläche. Sie sind ein wenig blind geworden, wie alte Menschenaugen, in denen dennoch ein Feuer glimmt. Ich weiß nicht, ob der Wein besser schmeckt aus ihnen. Aber ich weiß: Er spricht darin anders.
Jedes Glas hat seine Geschichte. Einmal habe ich eines dieser Burgundergläser im Waschbecken zerbrochen, am Morgen nach einer dieser Nächte, in denen die Luft noch vom Gespräch vibrierte. Ich hörte das Splittern, ich sah die Scherben, und ich stand da wie nach einem Todesfall. Nicht wegen des materiellen Werts. Sondern wegen der Zeit, die in diesem Glas gespeichert war. Ich kann den Wein nicht mehr trinken, den wir daraus tranken. Ich kann den Abend nicht mehr wiederholen. Aber das Glas war noch da gewesen, bis eben. Jetzt nicht mehr.
Seitdem spüle ich noch vorsichtiger. Und ich denke manchmal: Vielleicht liegt genau darin der Sinn alter Gläser. Nicht in ihrer Funktion, sondern in ihrer Verletzlichkeit. Sie lehren uns, den Moment zu schätzen. Sie fordern Respekt, wie große Weine, wie alte Freunde. Sie sind nicht ewig. Und das ist gut so.
Und wer ein Glas hält, das schon viele Tropfen gehalten hat, der weiß: Größe misst sich nicht in Perfektion, sondern in der Fähigkeit zu bleiben – über den Abend hinaus, über den Geschmack, über die Jahre hinweg. Vielleicht sogar über den Bruch hinaus.
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